Kann Amerika den Krieg im Irak noch gewinnen? - "Zeitgespräche mit Prominenten"
10.05.2004 - 13:00 | 13385
(firmenpresse) - Freiburg - "Amerika kann den Krieg im Irak nicht mehr gewinnen!", prognostizierte Peter Scholl-Latour am Mittwoch vor über 400 Zuhörern in Freiburg. Der Publizist und Bestsellerautor, jahrzehntelanger Kenner der arabischen Länder und Experte für internationale Krisengebiete zeigte sich überzeugt, dass nach den Bildern der Folterungen ein irreparabler Schaden angerichtet sei, denn im Orient sei "Demütigung schlimmer als Brutalität". Auch das Söldnerunwesen von mittlerweile 25.000 Mann ausserhalb jeder Gerichtsbarkeit und jenseits des staatlichen Gewaltmonopols trage zur allgemeinen Verrohung des Krieges bei.
Welcher Ausweg ist in dieser verfahrenen Lage noch denkbar? In einer strategischen Analyse entwarf Scholl-Latour - von einem unwahrscheinlichen Abzug der USA abgesehen - drei Szenarien: Zunächst die "sunnitische Lösung", nach der sich die USA auf Militär und Geheimdienstkräfte des Saddam-Regimes stützen wie gerade in Falludscha. "Doch warum hat man dann Saddam gestürzt?" Zweites Szenario: eine autoritäre Lösung mit einem gemässigten irakischen General an der Spitze, der Scholl-Latour aber letztlich auch keine Chance geben mochte.
Damit bliebe noch die "schiitische Lösung", an deren Ende angesichts der schiitischen Bevölkerungsmehrheit eine islamische Republik Irak stehen könnte. Aber hatten dies die Amerikaner mit ihrem Einmarsch bezweckt? Und wie realistisch ist eine solche Lösung nach der letzten Zuspitzung des Konflikts? Für Scholl-Latour liegt hier der Schlüssel für die weitere Entwicklung des Iraks: "Entweder gelingt es den USA, sich mit den Schiiten zu arrangieren, oder es droht ein Abnutzungskrieg wie in Vietnam."
Eine eindringliche Warnung richtete Scholl-Latour zum Schluss auch an die deutsche Politik: Auch in Afghanistan würde die Lage schön gefärbt: "Was den Amerikanern im Irak passiert, können auch die Deutschen in Afghanistan erleben." Der Vortrag im restlos gefüllten Historischen Kaufhaus in Freiburg fand in der Reihe "Zeitgespräche mit Prominenten" statt, die seit über 20 Jahren von der Düsseldorfer Unternehmensgruppe Investor und Treuhand http://www.investor-treuhand.de veranstaltet wird und sich als eine der bundesweit grössten wirtschaftspublizistischen Vortragsreihen etabliert hat.
Mario Ohoven, geschäftsführender Gesellschafter des Veranstalters und Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), rief den versammelten südbadischen Mittelstand dazu auf, die Globalisierung als Chance für deutsche Unternehmer zu begreifen. Von der EU-Osterweiterung werde Deutschland ebenso profitieren wie vom rasanten Aufstieg Chinas zum Motor der Weltwirtschaft. Als wichtigste Voraussetzung nannte Ohoven eine "neue Kultur der Selbständigkeit" - gemäss dem Motto, dass 80% der Wirtschaft heute Psychologie seien. "Leistung wird in diesem Land nicht mehr belohnt", so Ohoven. Und in der Tat liegt die Quote der Unternehmer in Deutschland im europäischen und internationalen Vergleich am unteren Ende, während drei Viertel der Abiturienten am liebsten im öffentlichen Dienst oder einem grossen Unternehmen arbeiten möchten. Damit war Ohoven beim Thema Bildung und Forschung angelangt: Deutschland könne niemals durch niedrigere Lohn- und Lohnnebenkosten, sondern nur durch technologische Innovation und Qualität bestehen. Dass ein Vertreter des Mittelstands die Schuld für die gegenwärtigen Probleme weniger den Unternehmern als der Politik und dem maroden Bildungssystem anlastete, erstaunt nicht. Doch selbstkritisch fügte Ohoven hinzu, dass auch der Mittelstand durch zu grosse politische Abstinenz eine Mitverantwortung trage, und forderte zum Abschluss: "Der Mittelstand muss politischer werden."
Zuvor hatte bereits ein weiterer Referent den Abend eröffnet. Geldbrief-Herausgeber Hans-Peter Holbach sprach über die Undurchschaubarkeit der Steuergesetzgebung und die Tücken von ausländischen Kapitalanlagen. Interessiert und amüsiert folgte das Publikum Holbachs zahlreichen anekdotenreichen und handfesten Tipps. Holbachs Rat war klar: Der "gläserne Steuerbürger" sei nur noch eine Frage der Zeit, und "wenn man Geld im Ausland anlegen will, dann nicht aus steuerlichen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen".
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