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Neue Arbeit bringt neue Jobs

02.12.2004 - 15:16 | 14253
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(firmenpresse) - Bonn- "Bye-bye Made in Germany - Deutschland verliert seinen industriellen Kern" lautete der provokative Titel des zweiten Bonner Kamingesprächs des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW) http://www.bvmwonline.de. Der Moderator des Abends, Criticón-Herausgeber Gunnar Sohn http://www.criticon.de, hatte eine illustre Runde zusammengestellt. Diese Beschreibung trifft vor allem auf den Hauptgast des Abends zu: Frithjof Bergmann hat sich einst als Preisboxer, Hafenarbeiter und Bühnenautor durchgeschlagen. Mit 24 Jahren war er schon Professor in Princeton. Eine Karriere, wie sie wohl nur in den Vereinigten Staaten möglich ist. Für Gesprächsstoff in den Räumlichkeiten der Bonner Studentenverbindung Alemannia sorgte aber sein Buch "Neue Arbeit, neue Kultur", das 2004 im Arbor Verlag in Würzburg erschienen ist. In Deutschland ist Bergmann noch nicht sehr bekannt. Das Wirtschaftsmagazin brand eins http://www.brandeins.de hatte allerdings mit einem grossen Artikel auf den Mann aufmerksam gemacht, der jetzt in Ann Arbor Philosophie und Anthropologie lehrt. Criticón und BVMW wollten diese Ideen nun den Bonnern bekannt machen. Bergmanns zentrale These: Mit ein bisschen mehr Arbeit, Bildung und Innovation die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen, gleicht dem Versuch, mit einer Tasse Wasser einen Waldbrand zu löschen. Er ist hingegen der Überzeugung, durch mobile Fabriken und dezentrale Produktion die Arbeit neu zu verteilen. Eine Meinung, die nicht nur vor dem Hintergrund der jüngsten Alarmmeldungen der Bundesagentur für Arbeit auf grosses Interesse der zahlreichen Zuhörer stiess.

Mit Frithjof Bergmann diskutierten Ralf Sürtenich und Julian Stech. Sürtenich ist Consultant der Düsseldorfer Beratungsgruppe insieme network http://www.insieme-network.com und blickt auf eine zwanzigjährige Erfahrung als Berater in IT- und TK-Fragen zurück. Stech leitet das Wirtschaftsressort des Bonner General-Anzeigers. In seiner Einführung sprach Sohn an, dass Bundeskanzler Schröder zu Beginn seiner Amtszeit gern als "Genosse der Bosse" tituliert wurde und stellte die Frage, ob sich die deutsche Politik und die Medien nicht zu sehr auf die Mega-Konzerne konzentrierten. Ein Beispiel ist die Dax-30-Fixierung der Journalisten, die Mittelständler kaum wahrnehmen. Insbesondere Ralf Sürtenich nahm diesen Ball auf und beklagte die mangelnde Beweglichkeit vieler deutscher Grossunternehmen. Doch noch radikaler fiel das Gegenmodell aus, dass Bergmann entwarf. "Obwohl ich Professor der Philosophie bin, habe ich mich mein ganzes Leben über bemüht, etwas Sinnvolles zu tun", meinte der amerikanische Gast, der in Sachsen geboren ist und seine Kindheit in Österreich verbracht hat. Die gute alte Zeit der industriellen Massenproduktion und damit auch die Zeit der Grosskonzerne sei vorbei oder gehe ihrem Ende entgegen. Die Tendenz gehe hin zu dezentraler Produktion. Selbst Grosskonzerne, so Bergmann, hätten erkannt, dass es sinnvoll ist, bestimmte Produktionsabläufe und Dienstleistungen an kleine Anbieter auszugliedern.



Seine These hatten bisweilen etwas Utopisches und Visionäres. Das Ziel, welches er auch in seinem Opus "Neue Arbeit, neue Kultur" vertritt, ist das "fröhliche und humane Leben". Bergmann schwebt die dezentrale Produktion von Schuhen, Kleidung, Espressokochern und Autos in kleinen "Produktionsgenossenschaften" selbst in den westlichen Industrieländern vor. Hier musste er sich die kritische Frage von Sohn gefallen lassen, ob es sich nicht um Sozialromantik im Sinne des Dichters Henry David Thoreau handele. Doch Bergmann erläuterte, dass sein Modell bei einigen Projekten zum Beispiel in Südafrika schon Erfolge gezeigt habe. Gerade in so genannten "abstürzenden Ländern" wie Indien und Südafrika sei es sinnvoll, wenn kleinere Einheiten die Produktion von Nahrung, das Gewinnen von Energie oder auch das Bauen in die eigenen Hände nähmen. Die postindustrielle Produktion von Autos in vernetzten mittelständischen Betrieben ohne Grossindustrie sei die richtige Antwort in den Entwicklungsländern, wo die herkömmlichen Rezepte westlichen Wirtschaftens nicht gegriffen hätten. Ein anderes Beispiel: Der Einsatz eines Wasserfilters, der von einem deutschen Hersteller entwickelt worden sei. Diese Technik könne direkt in der Dritten Welt eingesetzt werden. Eine afrikanische Genossenschaft, der Hersteller und Bergmanns Institut "Neue Arbeit" hielten Anteile an dem Gerät.

Sürtenich, selbst mit internationalen Projekten zum Beispiel im Senegal gut vertraut, schlug den Bogen wieder in Richtung Deutschland und übte eine harte Pauschalkritik an der deutschen "Unternehmenskultur". Dabei wurde er konkret: Toll Collect, das Desaster der Combino-Strassenbahn von Siemens und das Herkules-Projekt der Bundeswehr seien "Meilensteine" auf diesem Weg des Niedergangs. Sürtenichs Analyse: Deutsche Grossunternehmen sind zu deutschlandfixiert. Es mangelt insbesondere an der Internationalität der Eliten. Zudem gebe es zu wenig Risikobereitschaft bei deutschen Firmen und Banken. In Amerika sei das mit den so genannten Risikokapitalgesellschaften ganz anders. Wenn wir einen neuen Gründergeist bräuchten, dann dürften nicht immer wieder Investitionen in neue Projekte, Produkte und Unternehmensgründungen mit dem Argument verwehrt werden, dass man die Folgen nicht abschätzen könne, worauf Gunnar Sohn einwarf, dass Denken der deutschen Wirtschaft verharre noch zu oft in den Kategorien der 50er und 60er Jahre.

Julian Stech vom General-Anzeiger übernahm den Part des bodenständigen, an den Bedürfnissen des Bonner Mittelstandes ausgerichteten Wirtschaftsredakteurs. Mit der generellen Kritik an den deutschen Grossunternehmen könne er nichts anfangen. BASF sei doch ein Beispiel für den weltweiten Erfolge deutscher Mega-Konzerne. Und in Bonn täten Telekom und Post gute Arbeit. Hier stellte sich allerdings die Frage, ob Stech bei dieser Argumentation die Schattenseiten, nämlich die mangelnde Bereitschaft der beiden Giganten, Konkurrenz zuzulassen, bewusst ausblendete. Laut Stech profitierten gerade kleine und mittlere Unternehmen von der grossen Konkurrenz, wenn sie es nur geschickt anstellten. Sürtenich wies jedoch darauf hin, dass dies für kleine Betriebe extrem schwierig sei. Die Wirtschaft dürfe keinen Moden hinterherlaufen, so die Meinung des General-Anzeiger-Redakteurs. Ein Beispiel sei die gescheiterte New Economy. "Und Ihren hochfliegenden Plänen sage ich ähnliches voraus", so Stech direkt an Bergmann. Unternehmen haben Erfolg, so sein Credo, wenn sie sich klar positionieren. Aldi und Porsche seien zwei hervorragende Exempel für den Erfolg, der aus einer glasklaren Strategie resultiere. Wer bei Aldi einkauft, wisse genau, was ihn erwarte. Der Kunde werde nicht enttäuscht. Bei Opel sei dies zum Beispiel nicht der Fall. Genaue Positionierung führt zum Geschäftserfolg, so Stechs Rat an die Bonner Mittelständler.

Anschliessend diskutierte das Plenum angeregt über die Thesen. Auf die Frage eines Teilnehmers, ob nicht Wirtschaftswachstum für unseren Wohlstand gesorgt habe, entgegnete Bergmann, dass global gesehen die Massenproduktion zu Massenspaltungen in Arm und Reich - beispielsweise in China - und zur Massenarbeitslosigkeit geführt habe. Er könne deutsche Unternehmer nur ermutigen, keine Trübsal zu blasen, sondern sich noch stärker international zu engagieren und die nötigen Produkte und Herstellungsmodelle zu entwickeln, die in den Ländern der Dritten Welt eingesetzt werden könnten. In einem Punkt waren sich fast alle einig: Ganz bodenständig, sozusagen vor der eigenen Haustür lasse sich in Deutschland bei der Servicekultur noch viel nachbessern. "Wir haben uns die Kunden so erzogen, dass sie gar keinen Service mehr erwarten", so der sarkastische Kommentar von Stech. Laut Bergmann könne man von einem wachsenden Dienstleistungssektor aber keine Wunder erwarten. Die Vorstellung, dadurch entstünden viele neue Arbeitsplätze, sei "lächerlich". Diese These trifft auf entscheidenden Widerspruch von Michael Müller, dem Geschäftsführer der a & o after sales & onsite services GmbH http://www.ao-services.de in Neuss, der sich im BVMW als Wirtschaftssenator engagiert. "Die Automatisierung wird auch bei Dienstleistungen kommen, aber wir haben in Deutschland noch ein grosses Potenzial, um in der Dienstleistungsbranche neue Arbeitsplätze zu schaffen. In den USA arbeiten mehr als 80 Prozent aller Beschäftigten in Dienstleistungsberufen. Bei uns sind es weit unter 70 Prozent. In den USA sind das nicht nur Billig-Jobs. Da tragen die Leute den Kunden nicht nur Einkaufstüten an die Autos. Nein, gerade die Dienstleister in der amerikanischen Informationstechnologie haben in den vergangenen Jahren Hunderttausende sehr anspruchsvoller Arbeitsplätze geschaffen - auch wenn der Boom dort jetzt abebbt. Bei uns hat er noch nicht einmal richtig begonnen. Mein eigenes Unternehmen ist ein Beispiel dafür, wie man Chancen beherzt nutzen kann und mit intelligenten Dienstleistungen viele neue Jobs schafft", so der Kommentar des Neusser Unternehmers.





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