„Schulunterricht zum Thema Internet ist sehr naiv“

„Schulunterricht zum Thema Internet ist sehr naiv“

ID: 164602

- Google und Wikipedia –
Wissen der Welt oder bloße Ansammlung von Informationen?

- Dr. Sühl-Strohmenger: „Informationskompetenz
ist neue Kernaufgabe von Hochschulbibliotheken“

- Bibiliotheksverbands-Präsidentin Barbara Lison fordert:
„Bibliotheken in die nationale Bildungslandschaft integrieren“



(firmenpresse) - Leipzig – „Der kompetente Umgang mit dem World Wide Web muss Gegenstand des Schulunterrichts werden“, fordert Professor Stefan Gradmann vom Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität Berlin anlässlich des 4. Leipziger Kongresses für Information und Bibliothek. Die Veranstaltung steht in diesem Jahr unter dem Motto „Menschen wollen Wissen! – Bibliotheken im 21. Jahrhundert: international, interkulturell, interaktiv.“ Gradmanns Spezialgebiet „Wissen und Wissensgenerierung“ ist eines der Themen, über das mehr als 3.000 Fachleute direkt vor der Buchmesse vom 15. bis 18. März im Congress Center Leipzig diskutieren werden.

Milliarden von Internet-Seiten halten Unmengen von Informationen vor. Das Wissen der Welt steht im Internet – könnte man meinen. Machen uns Google und Wikipedia also eher schlau oder ist das Gegenteil der Fall? „In Wikipedia oder Google finden Sie kein Wissen, sondern bestenfalls Informationen. Aber zu Wissen werden diese erst, wenn sie von Menschen in einen Kontext gestellt werden – das reine Ranking einer Google-Suche erzeugt noch kein Wissen. Diese Annahme ist grundfalsch,“ sagt Professor Dr. Stefan Gradmann. Die Schule sieht er derzeit keineswegs als Korrektiv. Selbst Lehrer wissen allzu oft nicht, wie sie mit dem Medium Internet umgehen sollen. Gradmann: „Hier haben wir ein ganz massives Fortbildungsproblem. Wir täten gut daran, unseren Lehrern die Möglichkeit zu geben, etwas grundsätzlicher in diese neuen Wissenswelten einzutauchen.“ Die meisten Lehrenden würden das Internet lediglich als elektrifizierte Variante traditioneller Kulturtechniken sehen. Gradmann: „Die wenigsten haben verstanden, dass sich hier etwas grundsätzlich zu verändern beginnt. In der Vermittlung von Informationskompetenz, also auch dem kompetenten Umgang mit dem Internet, ist der Schulunterricht – wo es solchen überhaupt gibt – doch sehr naiv.“ Aus diesem Grund hat sich die von Gradmann als Präsident geleitete Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis auch in ihrem Tätigkeitsschwerpunkt „Informationskompetenz“ besonders auf den schulischen Bereich konzentriert.



Positiver stellt sich die Situation im Hochschulbereich dar. Vorreiter in der Vermittlung von Informationskompetenz sind hier die Hochschulbibliotheken. Dr. Wilfried Sühl-Strohmenger, Leiter des Informationsdienste-Dezernats an der Universitätsbibliothek Freiburg: „Die deutschen Hochschulbibliotheken haben erkannt, dass die Vermittlung von Informationskompetenz zu ihren neuen Kernaufgaben gehört. Sie sind bestrebt, ihre Lehrveranstaltungen auf diesem Sektor in möglichst vielen Fächern zu verankern, allerdings muss dies didaktisch fundiert und nach einheitlichen Standards geschehen.“

Auch daran arbeitet der Verband „Bibliothek und Information Deutschland“ – nicht nur für den Hochschulsektor. Vor allem dort, wo das Internet seine Nutzer schnell „alleine“ lässt, spielen Bibliotheken in der breiten Bevölkerung ihre Pluspunkte aus. Verbandspräsidentin Barbara Lison erläutert: „Bibliotheken greifen auf eine wesentlich größere Vielfalt an Informationsquellen zurück. Entscheidend ist aber der Mensch – die Bibliothekarin und der Bibliothekar. Das Internet spuckt nur Informationen aus, die Mitarbeiter in den Bibliotheken aber finden über so genannte Auskunftsinterviews blitzschnell heraus, wonach der Leser wirklich sucht.“

Diese „Kompetenz in Informationskompetenz“ werde in Deutschland jedoch noch nicht ausreichend genutzt, beispielsweise von anderen Kultur- und Bildungseinrichtungen, so die Verbandspräsidentin. Obwohl Schulen und Bibliotheken an vielen Stellen gut und intensiv zusammenarbeiten, hemmen diese „Insellösungen“ den Gesamterfolg. Der Bundesverband Bibliothek und Information Deutschland fordert deshalb die „Integration der Bibliotheken in die nationale Bildungslandschaft“, so Lison – und wird diese Forderung im März in Leipzig erneuern.
Zum Kongress „Menschen wollen Wissen! – Bibliotheken im 21. Jahrhundert: international, interkulturell, interaktiv“ vom 15. bis 18. März werden im Congress Center Leipzig weit über 3.000 Fachbesucher zu mehr als 250 Vorträgen erwartet. Veranstalter ist „Bibliothek und Information Deutschland (BID), die Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheks- und Informationsverbände e.V. Die Schirmherrschaft hat Bundespräsident Horst Köhler übernommen.

Bibliothek und Information Deutschland, die Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheks- und Informationsverbände e.V. (BID), veranstaltet vom 15. bis 18. März 2010 zum vierten Mal den Leipziger Kongress für Information und Bibliothek. Der Kongress hat das Motto: „Menschen wollen Wissen! – Bibliotheken im 21. Jahrhundert: international, interkulturell, interaktiv.“ Die Schirmherrschaft hat Bundespräsident Horst Köhler übernommen. Schwerpunktthemen des Kongresses sind: „Wissen und Wissensgenerierung“, „Kultur in der Krise? – Bibliotheken in der Krise?“, „Bibliotheken als Partner für Medien- und Informationskompetenz“, „Bibliotheken für die Menschen“ und „Wissen gewinnen und Wissen bewahren: Bibliotheken für Schule und Studium, Forschung, Beruf und Freizeit“. Das Gastland des diesjährigen Kongresses ist Spanien.

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