re:publica: Ausschaltknopf als Menschenrecht - Technik darf kein Oberlehrer werden
ID: 189095
Umweltbedingung, so der Journalist und Blogger Peter
Glaser in seinem Eröffnungsvortrag auf der re:publica
http://re-publica.de/10/event-list/die-digitale-faszination/ in
Berlin. Er sei überall und immer da: „Früher öffnete sich
einmal pro Abend das Nachrichtenfenster in die Welt.
Heute fließen die Ströme an Meldungen, Unterhaltung,
Information unausgesetzt. Sonderbare Dinge wie ‚Testbild‘
und ‚Sendeschluss‘ kennen junge Medienkonsumenten
nicht mehr. Das Netz ist zum Inbegriff der Permanenz
geworden. Ständig geht es vor sich, es aktualisiert sich, es
vibriert vor Mitteilsamkeit. Früher gab es einen Zustand,
dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt
ist Veränderung der Zustand. Früher hat der Große den
Kleinen gefressen, dann fraß der Schnelle den Langsamen.
Nun wird das Manchmal vom Immer verschluckt“, sagte
Glaser.
Maschinen würden in Zukunft nicht mehr mit einem Ein-
und Aus-Knopf bekommen, sondern nur noch mit einer
Reißleine, die zum Start gezogen wird, dann läuft der
Apparat bis in alle Ewigkeit. „Ich bin der Auffassung, dass
der Ausschaltknopf als ein bedeutendes Menschenrecht
gewahrt bleiben muss. Wie sehr uns dieser Knopf bereits
ausgetrieben worden ist, zeigt das Mobiltelefon. Zwar
verfügt es noch über einen regulären Ausschaltknopf. Aber
die psychische Belastung, die das Ausschalten mit sich
bringt angesichts der Möglichkeiten, was man alles
versäumen könnte, ist immens. Das Nichtrangehen zu
lernen, ist so schwierig wie ein Morphiumentzug“,
befürchtet Glaser. Er verweist auf das Opus „Mythos der
Maschine“ von Lewis Mumford. Die Welt wäre besser, wenn
man es als Schulbuch einsetzen würde.
Nur im menschlichen Geist habe die Fortschrittsidee
Substanz. Nur hier biete sie die Aussicht auf eine bessere
Zukunft. „Mumford skizziert auch die Möglichkeiten, wie der
technische Fortschritt nicht in eine Technokratie mündet.
Jedes System, jeder Automat, jede Maschine ist ein
Produkt des menschlichen Geistes. Maschinen dürfen nicht
zu Vollstreckern von Zwangsmaßnahmen gedrillt werden,
sonst mutiert anfänglich hilfreiche Technik zum repressiven
Oberlehrer“, warnt Bernhard Steimel, Sprecher des
Nürnberger Fachkongresses Voice Days plus
http://www.voicedaysplus.com, der sich mit Technologien
für die Kundeninteraktion beschäftigt.
Systeme, Geräte oder Suchmaschinen dürften nicht
darüber entscheiden, was richtig und was falsch für uns sei
und unser Verhalten einschränken oder sogar sanktionieren.
Sonst würde der Mensch zum Sklaven der Technik. Eine
Automaten-Diktatur könnte sich nachhaltiger auswirken als
das paternalistische Verhalten unter Menschen, warnen die
Wissenschaftler Sarah Spiekermann und Frank Pallas in
einem Beitrag für das Fachbuch „Die Informatisierung des
Alltags“ (Hrsg. Friedemann Mattern, Springer-Verlag): „Zum
einen reagieren Maschinen automatisch und autonom und
lassen den Betroffenen damit nur wenig Möglichkeit zur
Antizipation oder Reaktion. Zum anderen ist Technik
absolut. Hat beispielsweise ein Fahrer Alkohol in der
Atemluft, so ist es ihm gänzlich unmöglich, das
entsprechende Auto zu starten – auch in Notfällen, in
denen das Fahren unter Alkoholeinfluss üblicherweise
akzeptiert würde“.
Der Paternalismus der gutmeinenden Kontrolleure sei bei
Technologien nicht nur mit Gehorsam oder
Obrigkeitshörigkeit verbunden, sondern erzeuge einen
Zwang zu absoluter Konformität. Autonom agierende
Maschinen werden zu absoluten Kräften, deren
Entscheidungen und Handlungen nicht umgangen oder
missachtet werden können. „In Anlehnung an Francis
Bacon, der auch von Lewis Mumford zitiert wird, sind wir
daher gefordert, aus dem Schatz aller Dinge das
zusammenzutragen, was im Leben am meisten von Nutzen
ist“, resümiert Steimel. Diskussion/Kommentare unter:
http://ne-na.de/re-publica-ausschaltknopf-als-
menschenrecht-technik-darf-kein-oberlehrer-werden/00351
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Datum: 14.04.2010 - 14:32 Uhr
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