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Schwache Inlandsnachfrage ist Achillesferse für den wirtschaftlichen Strukturwandel

06.04.2006 - 16:03 | 19586
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(firmenpresse) - Bonn/Hannover - Deutschland hat wenig Präsenz bei Spitzentechnologien und bei Dienstleistungen und ist sehr stark bei hochwertigen Technologien. Zu diesem Schluss kommt der Bericht "Zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands 2006". Die Studie wurde unter Federführung des Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung (NIW) http://www.niw.de im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) http://www.bmbf.de erstellt. Sie beleuchtet die Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungssystems, die unternehmerischen Aktivitäten in Forschung und Entwicklung, deren Niederschlag in weltmarktrelevanten Erfindungen, Produkt- und Prozessinnovationen sowie die Effekte auf Wachstum und Beschäftigung.

Die Hannoveraner Forscher weisen nach, dass die Ausgaben für Forschung und experimentelle Entwicklung (F&E) von der Wirtschaft in Deutschland nicht kräftig genug erhöht wurden, allenfalls im Rhythmus der Konjunktur. Der Personalstamm sei gar auf den Stand von Mitte der 80er Jahre zurückgefahren worden. Die Dynamik bei den Investitionen in F&E sei im vergangenen Jahrzehnt massgeblich von aufholenden Ländern aus Asien wie Korea, Indien und China vorgegeben worden. Wissenschaft und Forschung haben in Deutschland weiter eine hohe Qualität. Allerdings sind die Kapazitäten für Lehre, Wissenschaft und Forschung im Weltmassstab gemessen zu schwach ausgeweitet worden.

Einkommen und Beschäftigung, so die Studie, seien überwiegend in den Sektoren der mittleren und gehobenen Technologien entstanden. Allerdings schöpft Deutschland die überdurchschnittlich hohen Wachstumschancen der stark expandierenden Spitzentechnikbranche nicht aus: "Die Entscheidungen von Konsumenten und Produzenten laufen vielmehr darauf hinaus, dass Deutschland länger als andere Volkswirtschaften an Industrien festhält, die kaum mehr wachsen." Ein deutsches Flaggschiff, nämlich die Automobilproduktion, habe zum Beispiel schon seit einigen Jahren am Standort Deutschland weniger zugenommen als die Industrieproduktion insgesamt. Zwar schmückt sich Deutschland gern mit dem Titel "Exportweltmeister", doch die Exportorientierung der deutschen Wirtschaft begünstigt einseitig den Industriesektor, darunter zunehmend die Industrien, die nicht forschungs- oder wissensintensiv produzieren oder kaum mehr expandieren werden.



Die schwache Inlandsnachfrage sei die "Achillesferse für den wirtschaftlichen Strukturwandel" in Deutschland: So sind Dienstleistungen, von denen noch am ehesten zu erwarten ist, dass sie zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen, auf einen florierenden Inlandsmarkt angewiesen, da sie nur in begrenztem Umfang auf Auslandsmärkte ausweichen können. Die Autoren erkennen an, dass die Umsetzung von F&E-Ergebnissen in breite technologische Anwendungen funktioniere. Deutschland sei unter den grossen Volkswirtschaften hinter Japan das patentintensivste Land und halte sich seit Jahren auf konstant hohem Niveau. Doch wie im Aussenhandel sei Deutschland insbesondere bei der hochwertigen Technologie aktiv, weniger hingegen bei den stark wachsenden Spitzentechnologien.

Nicht nur die Politik, auch die Wirtschaft tut zu wenig. Lagen Deutschlands Unternehmen bei den F&E-Anstrengungen Ende der 80er Jahre noch auf Rang drei, so nehmen sie jetzt den achten Platz ein. Angesichts geringer Wachstumserwartungen wurde der F&E-Personaleinsatz in der hiesigen Wirtschaft zwischen 2000 und 2003 wieder auf das Niveau von 1995 zurückgeführt. Die Aussagen des NIW zur F&E-Dynamik sind insgesamt Besorgnis erregend: Deutschlands weltwirtschaftliches F&E-Gewicht habe im vergangenen Vierteljahrhundert fast halbiert; von über elf Prozent (1981) auf sechs Prozent (2005). Ganz anders sieht es in den Vereinigten Staaten aus. Dort fördert der Staat massiv zum Beispiel die Biowissenschaft und die Militärtechnik, so dass sogar der zwischenzeitlich kräftige Rückzug der Wirtschaft aus der Förderung ausgeglichen werden konnte.

"In Zukunft wird es darum gehen, dass Deutschland nicht in die zweite Liga absteigt, sondern wieder zur Spitze aufschliesst", kommentiert Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungshauses Harvey Nash http://www.harveynash.de, die Studie. "Auf den gewachsenen Strukturen der Industriegesellschaft können wir uns nicht ewig ausruhen. Durch stärkere Investitionen in Bildung, Wissenschaft, Forschung und Entwicklung müssen Staat und Wirtschaft dafür sorgen, damit Deutschland den künftigen Anforderungen einer modernen Wissenswirtschaft gerecht wird. Dazu gehört, dass die Zahl der qualifizierten Fachkräfte erhöht wird. Wir brauchen mehr Hochschulabsolventen insbesondere bei den Natur- und Ingenieurwissenschaften. Zudem benötigen wir mehr Ausbildungsplätze in technischen Berufen." Gerade wirtschaftsnahe Wissenschaftsbereiche müssten sich stärker als bisher an internationalen Standards ausrichten.

Ein Strukturwandel ist aber nicht allein mit staatlichen und privaten Anschubfinanzierungen zu leisten. Er ist auch auf den Willen junger Wissensarbeiter angewiesen, sich in den Branchen unternehmerisch zu engagieren, in denen langfristig mit Wachstum und Beschäftigung zu rechnen ist. Doch das Neugründungsgeschehen im Dienstleistungs- und Technologiesektor ist im internationalen Vergleich zu schwach. Die Forscher des NIW drücken es folgendermassen aus: "Das Beharrungsvermögen in Branchen, die nur wenige Wachstumsaussichten und Beschäftigungsmöglichkeiten erwarten lassen, ist hingegen gross. Eine Auffrischung der Wirtschaftsstruktur durch Unternehmen der Spitzentechnik und wissensintensiven Dienstleistungen ist erforderlich. Kapitalgeber und potenzielle Gründer gehen jedoch angesichts der Rahmenbedingungen nur wenig Risiken ein."



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