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Spaßkultur und Technikbegeisterung kein Widerspruch

09.01.2007 - 10:30 | 25614
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(firmenpresse) - Kulturkritische Bildungsdiskussion in Deutschland geht an Bedürfnissen der Jugendlichen vorbei

Von Gunnar Sohn

Berlin, www.ne-na.de - 2007 soll ganz im Zeichen der Geisteswissenschaften stehen. Doch die Ausstrahlung der Germanistik oder Geschichtswissenschaft auf die Öffentlichkeit ist nach Expertenmeinung eher marginal. Anders als in den angelsächsischen Ländern schotten sich manche Gelehrte gern von der breiten Masse ab und bewohnen ihre Eigentumswohnung im Elfenbeinturm. Unter dem Motto „Geisteswissenschaften. ABC der Menschheit" wird das Wissenschaftsjahr 2007 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) http://www.bmbf.de gemeinsam mit der Initiative "Wissenschaft im Dialog" http://www.wissenschaft-im-dialog.de ausgerichtet.

Was bleibt aber vom Informatikjahr 2006? Es habe die Erwartungen seiner Organisatoren erfüllt. Bildungspolitiker und Informatiker zeigten sich zufrieden. Nun gelte es, die positiven Wirkungen nicht wie ein Strohfeuer verpuffen zu lassen und Technikfeindlichkeit, IT-Fachkräftemangel sowie digitale Spaltung weiterhin nachhaltig zu bekämpfen, berichtet das Onlineportal der ZDF-Nachrichtensendung heute http://www.heute.de. Die Experten fordern, der Informatik ein weiteres Wissenschaftsjahr zu widmen. Dass die Gesellschaft ein besonderes Interesse für Naturwissenschaften und Technik zeigt, daran meldet der frühere Ministerpräsident von Baden-Württemberg Lothar Späth erhebliche Zweifel an. Früher sei das anders gewesen: „Lokomotivführer und Astronauten waren lange Zeit Galionsfiguren der modernen Industriegesellschaft." Späth zufolge haben sich die kindlichen Berufswünsche geändert, „weil sich unsere Gesellschaft mit der Beherrschung von moderner Technik nicht mehr so stark identifiziert wie früher, geschweige denn den ‚Fortschritt durch Technik’ mit Leidenschaft betreibt". Cicero-Chefredakteur Wolfram Weimer habe darauf hingewiesen, dass die „Heldenkultur von einst", die Entdecker, Erfinder und Tüftler in den Mittelpunkt der Verehrung gerückt habe, der „Welt der Models, Fußballer und Showmaster" gewichen sei.



Schwierigkeiten mit einem solchen kulturkritischen Ansatz hat Michael Sander von der Lindauer Unternehmensberatung Terra Consulting Partners (TCP) http://www.terraconsult.de. „Späth will eine - wie er sagt - kulturelle Haltung überwinden, um Naturwissenschaften und Technik wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Eine solche geistig-moralische Wende ist sehr schwer zu bewerkstelligen. Angesichts des sich schon jetzt abzeichnenden Mangels an Fachkräften können wir uns das aber nicht leisten", sagt Sander. Man solle sich gar nicht darauf konzentrieren, den jungen Leuten ihren Spaß an Sportstars oder sonstigen Superstars zu vergällen, die sie täglich bei deren Arbeit im Fernsehen beobachten könnten. „Für mich heißt das, dass die Tüftler und Ingenieure noch stärker als bisher auf die jungen Leute zugehen müssen, zum Beispiel in den Schulen. Jugendliche begeistern sich doch durchaus für moderne Technik. Sie mögen Computer, Autos oder iPods. Es ist besser, durchaus auch den Spaßfaktor bei modernen Technik zu sehen. Früher wollten die Kinder ja schließlich auch Lokomotivführer oder Astronaut werden, weil sie sich diese Tätigkeiten als spannend vorstellten. Kein Kind möchte später Ingenieur werden, um das Land vor einem Mangel an Ingenieuren zu bewahren", so der Berater. „Wenn Späth plakativ Naturwissenschaft statt Selbstinszenierung fordert, ist mir das zu defensiv. Auch mit dem dauernden Lamento über den Hedonismus und die vermeintliche Oberflächlichkeit der Gesellschaft kommt man bei den Jugendlichen nicht weiter“, betont Sander.

Die Wertediskussionen von Politikern, Pädagogen und Wissenschaftlern gehe nach Ansicht von Michael Müller, Geschäftsführer der auf IT-Dienstleistungen spezialisierten a&o-Gruppe http://www.ao-services.de und Wirtschaftssenator des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), am Kern der Probleme in Deutschland vorbei: „Die Lehrkräfte vermitteln keine Technikbegeisterung, keinen Gründergeist und keine positive Einstellung zur Markwirtschaft. Das beweist der Global Entrepreneurship Monitor (GEM) der Universität Hannover. In der Kategorie‚ gesellschaftliche Werte und Normen, also der Akzeptanz von Selbständigen und Gründern, ist Deutschland mittlerweile ins unterste Drittel von 33 untersuchten OECD-Staaten abgerutscht. Eine Kultur des selbständigen Handelns wird in Schulen und Universitäten von den öffentlich-rechtlich abgesicherten Lehrern und Professoren nicht vermittelt. Bei der gründungsbezogenen schulischen Ausbildung liegen wir nur auf Platz 29. Selbst China hat uns überholt“, kritisiert Müller. Ökonomen, Naturwissenschaftler, Unternehmer und Erfinder würden in der Öffentlichkeit wenig Anerkennung genießen. „Hauptmeinungsbildner sind eher Schriftsteller und Kulturschaffende, die ihre antikapitalistischen und technikfeindlichen Ressentiments pflegen. In einem Land, dessen Zukunft von Wirtschaftskraft und technischem Fortschritt abhängt, ist das ein Alarmzeichen“, warnt Müller. Links- und Rechtsintellektuelle verströmten keinen progressiven Geist. „Die meisten sind technologische Angsthasen, globalisierungsfeindlich eingestellt und hängen an überholten Kulturbildern, die mit der Lebenswelt des 21. Jahrhunderts nichts mehr zu tun haben“, moniert Müller. Die staatszentrierte Sichtweise sei nach Auffassung Hans-Wolff Graf vom Bundesverband für Steuer-, Finanz- und Sozialpolitik http://www.zeitreport.de ein Ergebnis des politischen Systems. Selbständigkeit als Antrieb für Veränderungen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel werde von den Staatsparteien überhaupt nicht gewünscht. „Unsere Politiker leben zu gut von dem System der Entmündigung“, so Graff im Interview mit der Zeitschrift brandeins http://www.brandeins.de.



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