Slow Media: Neue Technologien mit alten Fähigkeiten kombinieren - Was die Verlage von der Marshall

Slow Media: Neue Technologien mit alten Fähigkeiten kombinieren - Was die Verlage von der Marshall McLuhan-Tetrade lernen könnten

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(firmenpresse) - Duisburg, 13. September 2010 - In einer beschleunigten Welt
wächst die Sehnsucht nach Entschleunigung. Wie man das in
Zeiten der Echtzeitkommunikation bewerkstelligen kann, stellten
Jörg Blumtritt und Benedikt Köhler auf der Start-Konferenz in
Duisburg vor. Die Initiatoren des Blogs „Slow Media“ berufen
sich auf den Philosophen Odo Marquard. Je höher die
Innovationsgeschwindigkeit ist, desto weniger veraltungsanfällig
sind alte Lebensformen, so das Diktum von Marquard. Die
moderne Wandlungsbeschleunigung würde selber in den
Dienst der Langsamkeit treten. So sollte man beim modernen
Dauerlauf Geschichte – je schneller sein Tempo wird –
unaufgeregt überholen lassen und warten, bis der Weltlauf –
von hinten überrundend – wie bei einem vorbeikommt. „Der
Wartende ist dann wieder an der Spitze der Bewegung“, sagte
Köhler. So wachse gerade durch Langsamkeit die Chance, up to
date zu sein. Das sei der Trick von Slow Media, bestimmte
Dinge zu antizipieren, die wiederkommen.

„Selbst in Technologiebranchen sollte man ab und an
Innehalten und sich an den klugen Sätzen von Odo Marquard
orientieren. Ich habe das schon in den stürmischen Tagen der
New Economy in meinem Buch ‚Change‘ erwähnt. Es gibt keine
Zukunft ohne Herkunft. Besonders die neuen Medien benötigen
alte Fertigkeiten. Das hat allerdings nichts mit dem
Antimodernismus der Jammerathleten, Klagegenies und
Kassandren vom Dienst zu tun. Beim programmatischen Ansatz
von Slow Media geht es wohl darum, sich auf seine wahren
Kompetenzen zu besinnen und sich von Dingen zu
verabschieden, die bedeutungslos werden“, so der Bitronic-
Chairman Peter B. Záboji. Slow heiße also nicht
Maschinenstürmerei, sondern zielt auf einen möglichst
intelligenten und sinnvollen Gebrauch von neuen wie alten,
bewährten Technologien ab.



Bei den klassischen Medien müsse man allerdings den erst
einmal den Wandel der Mediennutzung zur Kenntnis nehmen,
betonten Blumtritt und Köhler. So verliere die Zeitung als
Medium schon seit Jahrzehnten an Bedeutung. Sie hatte ihren
Höhepunkt 1973 in einem reifen Markt wie den USA: „Seit
diesem Zeitpunkt gehen alle Industrieindizes, die man mit den
Zeitungsverlagen in Verbindung bringen kann, langsam aber
sicher runter. Die Zeitung verlor also lange vor dem Eintritt des
Internets ins tägliche Leben an Relevanz. In Deutschland ist
dieser Prozess ungefähr seit 1990 zu beobachten“, erklärte
Blumtritt. Die Medienmacher sollten die geänderten
Lebenswelten der Menschen mehr zur Kenntnis nehmen. Ein
interessantes Modell zur veränderten Mediennutzung sei die
Tetrade von Marshall McLuhan.

„Es gibt vier Entwicklungsstufen. Jedes Medium löst irgendein
anderes Medium ab. Das Auto löst die Kutsche als
Transportmittel ab. Digitale Medien treten an die Stelle von
gedruckten Medien. Beim Auto ist es aber gar keine Substitution
der alten Fortbewegungsmittel, sondern man kann mit dem
motorisierten Gefährt lauter Sachen machen, die mit dem Pferd
nie möglich waren. Es entstehen neue Funktionen, die es vorher
nicht gab“, sagte Blumtritt. Jedes neue Medium bringe neue
Qualitäten hervor. In Blogs sei es zum Beispiel der persönliche
und manchmal sehr langlebige Kontakt und Austausch
zwischen Autor und Leser, der in anderen Medien wie zum
Beispiel Zeitschriften nicht in dieser Form gegeben ist. Aber
gleichzeitig werden bestimmte Dinge in den Hintergrund
gedrängt. Im Falle von Twitter werde zum Beispiel die zeitliche
Dimension der Nachrichtenproduktion und
Nachrichtendistribution obsolet.

Im dritten Entwicklungsschritt passiere mit einem Medium
irgendetwas, wenn man es auf die Spitze treibt.
Bildschirmmedien würden beispielsweise der mündlichen
Kommunikationskultur wieder Auftrieb verschaffen. Dann
passiere ein Rückschlag und es folge der vierte und
spannendste Entwicklungsschritt. Jedes Medium rücke
verdrängte Effekte oder Eigenschaften wieder in den
Vordergrund. „Bei Twitter ist man gezwungen, sich kurz zu
fassen. Das verlangt extrem viel Sprachfähigkeit. Damit die
Tweets mit nur 140 Zeichen wahrgenommen werden, muss man
einen aphoristischen Stil entwickeln. Das ist eine hohe Kunst“,
stellte Blumtritt fest.

Gute Twitter-Streams seien wie Lyrik lesbar. Das, was andere
Medien überflüssig gemacht haben, kehre also wieder. Ein
weiteres Beispiel hierfür sei das Telegramm. „Das Telegramm
war im 19. Jahrhundert, bevor Telefone und später dann E-Mails
einer großen Masse zugänglich waren, eindeutig das schnellste
Medium. Wenn man jemandem sehr schnell etwas mitteilen
musste, hatte man ein Telegramm geschickt. Vor einiger Zeit hat
die Deutsche Post das Telegramm neu erfunden und dabei eine
Qualität in den Vordergrund gebracht, die zuvor nur eine
untergeordnete, wenn nicht sogar ausgesprochen lästige, Rolle
gespielt hatte: die persönliche Übergabe der Nachricht wird zum
neuen Alleinstellungsmerkmal. Das Telegramm hat sich also
vom schnellsten in das persönlichste Mitteilungsmedium
verwandelt. Aber diese Metamorphose war nur möglich, weil
sich in der Zwischenzeit neue Medien herausgebildet haben,
die dem Telegramm eine neue Bedeutung geben konnten“,
führte Köhler aus.

Medienevolution sollte man systemisch denken. Bei Zeitungen
im Internet sei es ja nicht die Nachricht, die Zeitungen
unverwechselbar macht. Die bekomme man auf allen Kanälen
präsentiert. Das Archiv mache die Identität der Zeitung aus. Mit
diesem Tafelsilber könnten die Verlage mehr machen. Mit der
Echtzeitkommunikation in Konkurrenz zu treten, sei hingegen
sinnlos.

Auf dem Ich sag mal-Blog ist die Audioaufzeichnung des Slow
Media-Vortrages abrufbar! Weitere Infos zu dieser Pressemeldung:

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