„Bin beim Italiener“ - Theater Erfurt präsentiert Spielzeit 2007/08
ID: 35860
zwei Einakter zum Eingewöhnen –(von Thomas Krschka)
Erfurter Theaterbau mit idealen Arbeitsbedingungen(firmenpresse) - Der Intendant des Erfurter Theaters, der aus Genf stammende Guy Montavon, führte durch „sein“ Theater, einen höchst eleganten, 2003 eröffneten Neubau. Er tat das mit so viel Begeisterung und Stolz und wirkte fast wie ein kleiner Junge, der sein Lieblingsspielzeug vorzeigt: ein ästhetisch schönes Haus, das wohl auch ideale Arbeitsbedingungen bietet.
Das Erfurter Theater ist ein Dreispartenhaus, wobei der Schwerpunkt auf der Pflege des Musiktheaters liegt. Aus künstlerischen und ökonomischen Gründen geht das Theater zunehmend Kooperationen mit europäischen und auch amerikanischen Operhäusern ein, so dass die in Erfurt produzierten Werke einschließlich Kostüme und Dekoration auch an der Opéra de Monte Carlo, dem Nationaltheater Prag oder der Grand Opera Houston gezeigt werden.
Montavon legt besonderen Wert darauf, auch der zeitgenössische Oper eine Plattform zu geben: Seit der Eröffnung des Hauses 2003 mit der Uraufführung der Luther-Oper von Peter Aderhold hat er in jeder Saison eine Uraufführung herausgebracht.
Jede Spielzeit unter einem bestimmten Motto
Diesmal ist es die italienische Oper (Motto: „Bin beim Italiener“), d. h. es werden in dieser Spielzeit ausschließlich Werke italienischer Komponisten oder solche mit Italienbezug gegeben. Der Bogen ist gespannt von der ältesten Oper der europäischen Musikgeschichte, dem Orfeo von Monteverdi, der 1607, also vor 400 Jahren, uraufgeführt wurde, bis hin zu der Doppelpremiere vom 08.09.2007, den beiden Operneinaktern des 1923 in Florenz geborenen Flavio Testi: Mariana Pineda nach dem gleichnamigen Stück von Garcia Lorca und La Brocca Rotta (Der zerbrochene Krug) nach dem Lustspiel von Kleist. Daneben geht es quer durch die italienische Opernliteratur: Rossini (Barbiere di Seviglia), Verdi (Un Ballo in Maschera, Aida, La Traviata), Werke des Verismo (La Gioconda und Tosca) bis hin zu Fedra von Ildebrando Pizzetti (1880 bis 1968). Besondere Bonbons versprechen Eine Nacht in Venedig von Johann Strauß und die selten gespielte Operette Die Rosenkönigin von Ruggero Leoncavallo zu werden.
Zwei Premieren zum Eingewöhnen
Die Premiere der beiden Einakter von Testi ging mit großem Publikumserfolg über die Bühne. Eröffnet wurde der Abend mit dem in spanischer Sprache gesungene Einakter Mariana Pineda, der die wahre Geschichte der adligen Witwe Mariana Pineda im Spanien um das Jahr 1800 erzählt, die ihrem Geliebten, dem Revolutionär Don Pedro, zur Flucht aus dem Gefängnis verhilft. Der Strafrichter Pedrosa entdeckt ihre Verstrickung und will Mariana seine Liebe aufzwingen. Als sie sich ihm verweigert, wird sie unter Arrest gestellt. Von dem ihr in selbstloser Liebe ergebenen Fernando erfährt sie, daß Don Pedro sie nur ausgenutzt hat. Als sie sich weiter dem Drängen des Richters widersetzt, wird sie zum Tode verurteilt. Ähnlichkeiten mit dem Schicksal der Floria Tosca sind unverkennbar. Beide Frauen werden Opfer von Anmaßung und Amtsmißbrauch.
Die Musiksprache des Werks ist vergleichsweise leicht zugänglich, ein kammermusikalisch klein besetztes Orchester begleitet das Sängerensemble. Einprägsame, im Verlauf des Stückes oft wiederholte Motive innerhalb eines oft dissonanten, gleichwohl tonalen Zusammenhangs bestimmen das musikalische Geschehen, wobei starke Akzente immer wieder den Blechblasinstrumenten anvertraut werden. Das durchkomponierte Stück, das mithin ohne Arien oder Nummern im herkömmlichen Sinn auskommt, wird beherrscht von einem dem Sujet angemessenen erregten, dramatischen Ton. Ein stimmungsvolles Wiegenlied der Mariana, das von zarten Celestaklängern begleitet wird, bildet den einzigen Ruhepunkt. Die Tonsprache Testis vermag durchaus zu fesseln, die Dauerdramatik bedeutet jedoch, daß sich musikalische Entwicklung jedenfalls für mich nicht erschloß, keine Steigerung zum tragischen Ende hin spürbar wurde. Die Musik bietet, wenn man ihre Struktur einmal verstanden hat, kaum Überraschungen, ist in gewisser Weise vorhersehbar. Musikalisch berührende Momente gehen von einer kleinen Solistengruppe im Hintergrund aus, den Novizinnen, quasi dem Chor der griechischen Tragödie.
Die anspruchsvolle Titelpartie wurde von der griechischen Sopranistin Ilia Papandreou bravurös gemeistert, ihr leuchtender Sopran sprach auch in den Spitzentönen makellos an und überzeugte auf ganzer Linie. Vor allem ihr dürfte der Erfolg der Uraufführung zu verdanken sein. Ihr zur Seite stand ein kompetentes Sängerensemble, aus dem der schön timbrierte Mezzo der Helena Zubanovich als Mutter der Mariana und der agile Tenor Erik Fenton als ihr treuer Freund herausragten.
Die Musik zu La Brocca Rotta, 1997 in Bologna uraufgeführt, ist im Vergleich zum ersten Stück des Abends deutlich fassettenreicher. Erzählt wird die allseits bekannte Geschichte des Dorfrichters Adam, der sich bei dem Versuch, der jungen Lisa nachzustellen, überrascht wird und alles daran setzt, den Fall zu vertuschen. Erst dem Gerichtsrat Walter gelingt es, den Richter zu überführen. Der Komponist geht in diesem zehn Jahre früher entstandenem Stück in tempo- und farbenreichem Konversationston zu Werk. Ein markantes Motiv, das wir bereits aus Mariana Pineda kannten, hören wir hier wieder.
Die Paraderolle des Dorfrichters Adam war bei Frank Blees in guten Händen, stimmlich und darstellerisch überzeugte vor allem der attraktive Bassbariton des Michael Tews, der den Gerichtsrat Walter Gestalt gab. Helene Zubanovich, wieder in der Mutterrolle, lieh der Marta Rull ihren schönen Mezzo.
Für die souveräne musikalische Leitung war Lorenz Aichner verantwortlich. Der vielversprechende junge Künstler wechselt nach dieser Spielzeit an die Hamburgische Staatsoper (ein größeres, kein besseres Haus, wie der gutgelaunte Intendant nach der erfolgreichen Premiere feststellte).
Beide Stücke wurden in einem praktikablen Einheitsbühnenbild gespielt, das nur aus einem leicht gewellten, nach hinten ansteigenden Bühnenboden und schwarzen Seitenwänden bestand. Einige wenige Versatzstücke im Bühnenvordergrund deuteten bei Mariana Pineda deren Wohnung an, während mit ähnlich einfachen Mitteln bei La Brocca Rotta der Gerichtssaal Gestalt annahm. Die etwas konventionelle Regie (Peter Hailer) war den Werken angemessen und handwerklich solide.
Wir gehen auch mal zum Italiener, und sie?
THEATER ERFURT, Placidus-Muth-Straße 1, 99084 Erfurt
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Datum: 25.09.2007 - 11:49 Uhr
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