Emotionalität bei der Unternehmensnachfolge
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Seit über 35 Jahren fährt Walter Schmitz (64) gegen halb acht zur Arbeit. Montag bis Freitag, nicht selten auch am Wochenende. Die Strecke von seinem Haus zur Firma würde er mit verbundenen Augen finden. Er ist tief mit dem mittelständischen Unternehmen verwurzelt, kennt alle Prozessabläufe, Lieferanten, Kunden, Partner. Die Angestellten grüßt er mit Namen und hat stets ein offenes Ohr bei Sorgen und Nöten. Das Unternehmen ist Walter Schmitz Leben – er hat es gegründet.
Mit Geschick und Weitsicht baute er die Firma auf und führte sie erfolgreich durch so manche Krisenzeit. Doch nun steht er vor der vielleicht schwierigsten Aufgabe seines Unternehmerlebens: der Nachfolgeregelung. Ginge es nach ihm, er würde noch einige Jahre die Leitung in den eigenen Händen halten. Fit genug fühlt er sich jedenfalls. Doch sein Sohn möchte langsam das Kommando übernehmen. Nach dem Studium ist er in die Firma eingestiegen und verfügt bereits über mehrere Jahre Berufserfahrung. Walter Schmitz ist unsicher. „Ist er schon soweit das Unternehmen alleine zu leiten? Bin ich schon so weit in „Rente“ zu gehen? Mein Lebenswerk jemand anderem anzuvertrauen? Kann das gut gehen, ohne mich? Oder soll ich nicht doch mein Unternehmen verkaufen? Man weiß ja nie, wie sich das Marktumfeld zukünftig verändern wird.“
Wie in dem fiktiven Beispiel geht es in Deutschland jährlich tausenden von mittelständischen Unternehmern. Sie zögern, vertagen und verdrängen, obwohl sie aktiv die Nachfolgeregelung angehen müssten. Wirtschaftlich höchst riskant, menschlich nachvollziehbar. Denn wie so oft ist das „Loslassen“ eine der schwierigsten Entscheidungen im Leben. Es erfordert Mut, Überwindung und nicht selten Überzeugungsarbeit.
„Vor allem braucht dieser Schritt aber Zeit. Alleine die Tatsache anzuerkennen, dass man nicht mehr der Jüngste ist und Vorsorge bezüglich Fortbestands des Unternehmens treffen muss, ist für viele Chefs ein Problem und dauert unter Umständen Jahre“, sagt Kerstin Ott, Partnerin beim Transaktionsspezialisten seneca Corporate Finance GmbH. „Entscheidet man sich für eine externe Lösung, also dem Unternehmensverkauf, sind für die Transaktion sechs bis neun Monate einzuplanen“, so die Expertin weiter.
Wie kann man diesen Prozess nun positiv gestalten? Eine Grundvoraussetzung für einen möglichst sanften Übergang ins Privatleben ist, sich frühzeitig Gedanken über die Aktivitäten nach der Karriere zu machen. Lang geplante Reisen mit dem Partner, mehr Freiraum für Hobbys, Familie und Freunde – all das ist nun möglich. Dinge, für die man Jahre lang wenig Zeit hatte und für später aufgehoben hat. Dieser Zeitpunkt ist irgendwann erreicht und man sollte sich darauf freuen. Wer viel geleistet und erreicht hat, darf auch die Früchte seines Erfolgs genießen.
„Viele sorgen sich, im Ruhestand zur Passivität verdammt zu sein. Doch wer klug plant, der verlagert lediglich seine Aktivitäten vom Beruf- ins Privatleben.“
Langeweile oder das beängstigende Gefühl der Nutzlosigkeit kommt somit sicher nicht auf, im Gegenteil. Manch einer wird sich wundern wie viele Aufgaben man in der Freizeit übernehmen kann.
Ist der Nachfolgeprozess bewusst angeschoben worden, stellt sich natürlich auch die Frage nach dem geeigneten Kandidaten. Wichtigste Auswahlkriterien sollten dabei die Befähigung und der Wille des Nachfolgers sein, das Unternehmen und seine Mitarbeiter in eine sichere Zukunft führen zu wollen. Erfahrungsgemäß stehen die Kinder meist als erste Kandidaten zur Wahl. Doch es ist fatal anzunehmen, der Sohn oder die Tochter werde allein aus Traditionsbewusstsein den elterlichen Betrieb weiterführen. Viele Kinder haben andere berufliche Wünsche, die man respektieren sollte, auch wenn man anfangs enttäuscht ist. Zudem ist nicht jeder Nachkomme zum Unternehmer geboren. Manche arbeiten zwar gerne im Familienbetrieb, allerdings ohne die gesamte Verantwortung für die Firma tragen zu müssen. Es ist deshalb ratsam, auch einen externen Nachfolger in Erwägung zu ziehen. Hilfestellung bei der Suche und Auswahl können hierbei professionelle Berater bieten. Diese fachmännische Unterstützung wird leider noch viel zu selten in Anspruch genommen. Laut einer Studie des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) verzichten rund 40 Prozent der Familienunternehmen auf Beratung bei der externen Nachfolge. Steht eine familieninterne Nachfolge an, wird sogar noch seltener ein neutraler Experte hinzugezogen, so die IfM-Forscher.
Doch in beiden Fällen kann Hilfe von außen oftmals richtig und wichtig sein. Ist eine Veräußerung geplant, so können Berater, dank ihres Netzwerks und ihrer Erfahrung, meist interessante Käufer und Lösungen unterbreiten, an die der Noch-Inhaber gar nicht gedacht hat. Die Chance, den Fortbestand des Unternehmens zu sichern und einen Kandidaten zu finden, der auch zur Unternehmenskultur passt, kann somit deutlich erhöht werden Positiver Nebeneffekt: Nicht selten kann durch die professionelle Verhandlungsweise eines Experten auch ein höherer Verkaufserlös erzielt werden.
Geht der Betrieb an ein Kind über, unterschätzen viele die hohe Komplexität der Nachfolgeregelung und die teils hohe Emotionalität unter den Beteiligten. Beziehungsgeflechte, Zu- und Abneigung und Konflikte innerhalb der Familie können die Wahl des Nachfolgers negativ beeinflussen. Externe Berater können hier vermitteln und die objektiv beste Lösung für das Unternehmen vorschlagen.
Ob interne oder externe Lösung: Die Nachfolgeregelung muss klare Verhältnisse schaffen. Ein neuer Geschäftsführer, der auf Zuruf des eigentlich im Ruhestand befindlichen Ex-Unternehmers reagiert, ist ebenso fehl am Platz wie die permanente Einmischung des ehemaligen Gründers in die Entscheidungen der neuen Geschäftsleitung. Die Umsetzung innovativer Ideen und neuer Strategien muss dem ehemaligen Chef nicht immer gefallen, gehören nach einer Unternehmensübergabe aber mit dazu und sind auch zu begrüßen. Nicht selten sind sie sogar notwendig, um die sich wandelnden Bedürfnisse der Kunden zu befriedigen und am Markt bestehen zu können.
„Damit es im Nachhinein nicht zu einer bösen Überraschung kommt, sollten gerade bei einem Verkauf im Vorfeld sämtliche Optionen in Betracht gezogen und genau geprüft werden. Nur so ist es möglich den Käufer zu finden, dessen Motivation mit den Vorstellungen des Veräußerers am besten übereinstimmt. Dieser Prozess kann langwierig und schwierig sein. Wer jedoch rechtzeitig die Zukunft seines Unternehmens professionell plant und aktiv gestaltet, der kann auch guten Gewissens seinen wohlverdienten Ruhestand genießen“, so Kerstin Ott.
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Datum: 29.03.2011 - 09:48 Uhr
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