Börsen-Zeitung: Signal der Stärke, Börsenkommentar "Marktplatz", von Thorsten Kramer.

Börsen-Zeitung: Signal der Stärke, Börsenkommentar "Marktplatz", von Thorsten Kramer.

ID: 627229
(ots) - Die aktuelle Performance des deutschen
Aktienmarktes macht Eindruck. Obwohl die Ratingagentur
Standard&Poor's am Donnerstagabend die spanische Bonitätsnote auf
"BBB+" herabgestuft und damit nach Einschätzung vieler Beobachter
erneut einen Warnschuss in Richtung Eurozone abgefeuert hat, ist vor
dem Wochenende der von manchem befürchtete Kursrutsch ausgeblieben.
Auf Sicht von fünf Tagen behauptete sich der Leitindex Dax somit auf
einem Niveau oberhalb von 6750 Zählern und arbeitet damit weiterhin
daran, einen Boden als Basis für den nächsten Kursanstieg zu bilden.

Das ist ein deutliches Signal der relativen Stärke. Denn
angesichts der zunehmenden Sorgen über die Verfassung der spanischen
Wirtschaft und der dortigen Staatsfinanzen, angesichts der mit der
Stichwahl in Frankreich verbundenen Unsicherheiten und angesichts der
rezessiven Tendenzen in Großbritannien sowie manch enttäuschender
Konjunkturdaten aus den USA und der Eurozone hätte man sich sehr wohl
eine deutlich schwächere Entwicklung am deutschen Aktienmarkt
vorstellen können. Es hat sie aber nicht gegeben, weil es auf einem
Niveau zwischen 6500 und 6600 Punkten im Dax ganz offensichtlich
hohes Interesse vieler Investoren an einem Aufbau oder Ausbau von
Aktienpositionen gibt.

Allzu sorglos sollten Marktteilnehmer sich nun natürlich nicht
positionieren. Kurzfristig werden allein die bevorstehenden Wahlen in
Frankreich und Griechenland am 6.Mai zu einem latent unruhigen
Sentiment beitragen, weil zu befürchten ist, dass im Anschluss daran
die Debatte über den passenden Weg heraus aus der Schuldenkrise neu
aufleben wird - insbesondere dann, wenn Frankreichs Präsident Nicolas
Sarkozy in der Stichwahl seinem Herausforderer François Hollande
unterliegt. Ein Kurseinbruch wie zur Mitte der beiden Vorjahre ist in
diesem Börsenjahr jedoch nicht zu befürchten, insbesondere weil die


US-Konjunktur inzwischen in deutlich besserer Verfassung ist und
Investoren bereits Risikoanlagen reduziert haben, also recht defensiv
positioniert sind. Die aktuelle Markttendenz spricht jedenfalls
dafür, dass Anlagestrategen von Banken, die längerfristig, also mit
Blick auf den Herbst, tendenziell mit steigenden Notierungen rechnen,
richtig liegen dürften.

Der deutsche Aktienmarkt erfährt Unterstützung durch einen
vergleichsweise stabilen Gewinntrend. Nachdem Analysten vor dem
Auftakt der laufenden Berichtssaison in Reaktion auf die zuletzt
häufig ernüchternden Konjunkturdaten ihre Schätzungen nach unten
angepasst hatten, gelang es jenseits des Atlantiks annähernd acht von
zehn Unternehmen, die Prognosen der Analysten zu übertreffen. Ein
ähnliches Bild erwarten Marktanalysten auch hierzulande, allerdings
mit klaren Unterschieden zwischen einzelnen Sektoren. So glaubt der
Konsens im Automobilsektor an einen kräftigen Anstieg der Umsätze und
Gewinne, für Versorger beispielsweise wird dagegen mit einem weiteren
Umsatzminus gerechnet. Unter dem Strich zeichnet sich allerdings ab,
dass sich der Trend zu positiven Gewinnrevisionen verfestigt. In der
Vergangenheit, so zeigt eine Analyse der Landesbank Hessen-Thüringen,
rückten die Aktienkurse gerade in solchen Phasen zumeist
überdurchschnittlich vor.

Für Investoren, die auf dem aktuellen Dax-Niveau Aktien
(zu-)kaufen wollen, kommt es also auf die Titelauswahl an.
Anlagestrategen raten zu den Papieren von Unternehmen, die bewiesen
haben, dass sie die Erträge auch bei einer zähen Entwicklung der
Umsätze steigern können. Aus dem Kreis der Dax-Konzerne sind dies
etwa BMW, SAP und Henkel. Bei der Lufthansa, bei der neben strengen
Sparmaßnahmen vor dem Wochenende auch über die Gründung einer eigenen
Billigfluglinie spekuliert wurde, sowie bei ThyssenKrupp zeigen sich
Strategen dagegen eher skeptisch.

Als Voraussetzung für einen erneuten Anstieg der Kurse stufen
Analysten ein, dass die harten konjunkturellen Fakten alsbald die von
den Frühindikatoren initiierten Hoffnungen bestätigen. Dies würde die
Einschätzung untermauern, dass die jüngste Abkühlung der Wirtschaft
als eine typische Verschnaufpause im Zuge eines Zyklus zu sehen ist.
Als weiterer potenzieller Impulsgeber gilt zudem nach wie vor eine
zusätzliche außerordentliche Lockerung der Geldpolitik der großen
Notenbanken - auch wenn Währungshüter solche Pläne zurzeit weit von
sich weisen. Daher steht die nächste Sitzung der Europäischen
Zentralbank in der neuen Woche besonders im Fokus.

(Börsen-Zeitung, 28.4.2012)



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