Einspruch stattgegeben! - Tipps und Tricks für gute Kritiker und gute Kritisierte
Der Kollege, der nie pünktlich zum vereinbarten Termin erscheint, der Mitarbeiter mit den auffällig schlechten Verkaufszahlen oder ständig dreckige Tassen in der Büroküche – täglich gibt es unzählige Situationen, in denen Kritik angebracht erscheint. „Statt diese Störpunkte allerdings konstruktiv an den Mann zu bringen, fahren viele vorschnell aus der Haut und halten dem anderen eine regelrechte Standpauke“, weiß Kommunikationsexperte René Borbonus. Die Folge: Kaffeesatz & Co. bleiben erhalten und einen trotzigen Gesprächspartner gibt es gratis dazu. Das Patentrezept vom Rhetorik-Coach für beide Seiten: „Damit sowohl Einspruch, als auch Verteidigung auf Gehör stoßen, muss beides durchdacht und vor allem sachlich vorgetragen werden.“ So wird nicht nur der beanstandete Fehler behoben, sondern außerdem das gute Betriebsklima gewahrt.
Schon wer sich an ein paar Regeln hält und diese konsequent anwendet, sorgt mit offenen Worten für frischen Wind im Unternehmen und schiebt eingefahrene Strukturen wieder an – ohne dabei Kopf und Kragen zu riskieren. Das betrifft auch Kritik an Kleinigkeiten, wie das lautstarke Geplapper von Kollegen, das ein konzentriertes Arbeiten quasi unmöglich macht. Die einzige Bedingung: Der vorgebrachte Einwand muss Hand und Fuß haben. „Einmalige Patzer oder entschuldbares Fehlverhalten sollten nicht gleich Anlass für eine umfassende Kollegenschelte sein“, so Borbonus. Für einen guten Kritiker sollte nämlich wie vor Gericht der Grundsatz gelten: Im Zweifel für den Angeklagten.
Kein Urteil ohne Lob
Wer möchte, dass seine Kritik auf offene Ohren stößt und die Stimmung nicht darunter leidet, sollte das Gespräch mit etwas Positivem beginnen – und auch beenden, empfiehlt Borbonus: „Der erste Eindruck prägt, der letzte bleibt.“ Ein Beispiel: In den Berechnungen eines Kollegen, wütet der berühmte Fehlerteufel. Das Problem: Die Korrektur bleibt an einem zweiten Mitarbeiter hängen, der wegen der Nachlässigkeit seines Mitstreiters so manche Überstunde schieben muss und wegen der Verzögerungen vom Chef regelmäßig getadelt wird. Paradox aber wirksam: In solch einem Fall beginnt man am besten mit einem Lob, um die Atmosphäre schon vorab zu seinen Gunsten zu prägen und ein konstruktives Klima zu schaffen: „Ich bin wirklich beeindruckt, wie viel Berechnungen Sie in letzter Zeit abarbeiten. Das würde ich selbst gar nicht so schnell schaffen.“ Um dem Kollegen anschließend auch positiv im Gedächtnis zu bleiben und für das neue Verhalten zu motivieren, eignet sich ein ebenso netter Schluss: „Schön, dass wir einen gemeinsamen Nenner gefunden haben. Ich denke, das wird uns beiden die Arbeit künftig um Vieles erleichtern.“
Im Namen des Klägers – Der Trick mit der Ich-Botschaft
Was die eigentliche Kritik betrifft, lautet das oberste Gebot: Zurückhaltung ist angesagt. So auch beim überarbeiteten Kollegen: Bevor es zur eigentlichen Kritik kommt, sollte er beschreiben, was er in letzter Zeit an seinem Mitstreiter beobachten konnte und nach einer Einschätzung der Lage fragen: „Mir ist aufgefallen, dass sich bei Ihnen in letzter Zeit kleine Fehler einschleichen. Ich kann mir vorstellen, dass Sie sehr unter Zeitdruck stehen. Ist das so?“ Wenn anschließend noch die Kritik folgt, ist sie für den Betroffenen verständlicher und nachvollziehbarer. Vor allem, wenn dabei Sachlichkeit und Respekt den Ton angeben. Dazu gehört auch, direkt und persönlich mit dem Kritisierten zu sprechen statt vor versammelter Mannschaft. Ein unpersönliches „Er/Sie behauptet“ sollte genauso tabu sein wie grob verallgemeinernde Einschätzungen, wie „Man könnte meinen“ oder „Jeder findet“.
Kritik ist meist rein subjektiv und sollte daher auch genau so formuliert werden. Worte wie „Ich finde“ oder „In meinen Augen“ machen die Beanstandungen deutlich annehmbarer. Genau das Gegenteil bewirken Pauschalisierungen wie „immer“ oder „nie“, manipulative Sätze wie „Ihnen müsste doch klar sein“ oder undefinierte Gefühle wie „Ich spüre, dass“. Sätze wie diese verunsichern und stehen einem klärenden Gespräch im Weg. Zweckmäßiger sind eindeutige Ansagen – verbunden mit einer Handlungsoption. Ein Beispiel für den Fehlerteufel-Fall: „Durch die teils fehlerhaften Berechnungen habe ich leider wesentlich mehr Arbeit zu bewältigen. Wie wäre es, wenn Sie sich mehr Zeit nehmen oder einen Azubi noch einmal alles kurz prüfen lassen? Dann ernten wir beide in Zukunft mehr Lob vom Chef.“
Für eine Verteidigung ohne Anwalt
Soviel zur Partei des „Klägers“. Doch wie steht es um die Position des „Angeklagten“? Gibt es auch hier, bestimmte Do’s and Don’ts zu beachten? Kommunikationsexperte René Borbonus bekennt: „Der Kritik-Empfänger hat es mindestens genauso schwer wie der Kritiker. Die meisten fühlen sich trotz einfühlsamster Predigt schnell angegriffen und verletzt. Der typische Fehler in dieser Situation: Massive Rechtfertigungen, gleich zu Beginn des Gesprächs. Das zermürbt selbst den wohlwollendsten Gesprächspartner.“ Wer verbal zurückschlägt, hinterlässt zudem keinen souveränen Eindruck. Denn anstatt zu einem Fehler zu stehen und Einsicht zu zeigen, scheint sich jemand, der jede Schuld auffällig von sich weist, dadurch erst recht zum angesprochenen Fehlverhalten zu bekennen. Die Empfehlung des Experten: „Bei kritischen Worten erst einmal tief durchatmen und zuhören.“ Nur wer den tadelnden Worten aufmerksam folgt, kann eventuelle Fehlbeobachtungen richtig stellen. Unverzichtbar ist auch hier, auf sachlicher Ebene zu argumentieren. Bewahren Kläger und Angeklagter Contenance, ist eine Lösung des Problems schnell gefunden. Wem das zuweilen schwer fällt , kann oft prinzipiell nicht gut mit Kritik umgehen, weiß Redeprofi Borbonus. Die bizarre, aber effektive Lösung: Ein Kritik-Gespräch gezielt von Anderen einfordern. Gemäß dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ behält der Kritisierte auf diese Weise stets die Oberhand über die Situation, denn er selbst kann entscheiden kann, wann sein Verhalten bemängelt wird. Das Ergebnis: Mit dem Überraschungseffekt auf der eigenen Seite, steckt man Kritik plötzlich ganz einfach weg. Und das – hilft beiden Seiten.
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Zur Person:
„Zum Dichter wird man geboren, zum Redner gemacht“. Eine aristotelische Weisheit, von der auch der Kommunikationsexperte und Rhetorik-Coach René Borbonus überzeugt ist. Seinem Studium der Germanistik, Politik und Psychologie an der Universität Bonn folgte darum in direktem Anschlus eine professionelle Trainerausbildung, bei der er sich mit den Schwerpunkten Konfliktmanagement, Moderation und Methoden zur strategischen Erfolgsplanung befasste. Sein Talent zur freien Rede perfektionierte er währenddessen unter Anleitung namhafter Rhetorikspezialisten.
Bereits seit einigen Jahren gibt er seine gesammelten Kenntnisse in puncto Rhetorik und Konfliktgespräche nun selbst als Coach und Redeberater an seine Kunden weiter. In seinen oft prominent besetzten Rhetorik-Trainings und Redecoachings finden sich unter anderem Abgeordnete des Deutschen Bundestages und Vorstandsmitglieder bekannter Unternehmen.
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Datum: 03.12.2008 - 11:20 Uhr
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Freigabedatum: 03.12.2008
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