Die Dienstleistungsökonomie - Frühjahrsausgabe des Magazins NeueNachricht
ID: 19565
"Das Wirtschaftssystem, die grossen Unternehmerverbände, Wissenschaft, Gewerkschaften und Politik definieren Deutschland noch immer stur als Industrieland", so eröffnet Michael Müller seinen Artikel zum Thema Dienstleistungsökonomie in der Frühjahrsausgabe des Magazins NeueNachricht http://www.ne-na.de . Dass dies ein grosser Fehler ist, auf dem viele der wirtschaftlichen Probleme basieren, haben bisher die wenigsten Menschen begriffen. Noch immer gilt Deutschland in den Köpfen seiner Einwohner als klassisches Industrieland. Doch der postindustrielle Trend zur Dienstleistungsgesellschaft erreicht auch Deutschland: Deutlich mehr als zwei Drittel aller Erwerbstätigen in Deutschland verdienten 2005 ihr Geld mit Dienstleistungen, zehn Prozent mehr als noch 1991. Dagegen hat das produzierende Gewerbe im gleichen Zeitraum neun Prozentpunkte verloren. Auch die deutsche Wirtschaft muss erkennen, dass die einst ungebremste Produktivitätssteigerung der Industrie vorbei ist. Doch Politik und Wirtschaft bremsen mit ihrem Industrieprotektionismus den längst schon begonnenen Wandel ab.
Dabei bietet der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft Deutschland ungeheure Möglichkeiten zur Rehabilitierung seiner Wirtschaft. Er sichert zum Beispiel eine grössere Unabhängigkeit von den Folgen der Globalisierung, da die meisten Dienstleistungen nicht transportabel und somit lokal begrenzt sind. Ein Konkurrenzkampf mit den osteuropäischen Billiglohnländern, mit denen Deutschland als Produktionsstandort nicht mithalten kann, entsteht also erst gar nicht. Zudem eröffnen sich der deutschen Wirtschaft auf den neuen Märkten der "smarten" Produkte, die zu völlig neuen Dienstleistungen führen, grosse Möglichkeiten. Die Informatisierung des Alltags, die sich am Menschen mit seinen individuellen Anforderungen und Wünschen orientiert, belegt, dass nicht der in Taiwan hergestellte Minicomputer entscheidend ist. Vielmehr erfordern diese Produkte neue Dienstleistungen und darauf spezialisierte Anbieter. Experten räumen Deutschland grosse Chancen ein, bei neuen Technologien eine Führungsposition einzunehmen. Wichtiges Kriterium dafür wird sein, inwieweit die Unternehmer die Dynamik neuer Technologien verstehen und die Richtung und das Tempo des technischen Wandels im Voraus abschätzen. Voraussetzungen dafür sind flexible Arbeits- und Kapitalmärkte, die es erlauben, Geld- und Humankapital in neue Sektoren umzuleiten.
Ein Blick über den grossen Teich zeigt, wo der Weg hinführen muss. Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten gilt als eine der grössten Profiteure des Dienstleistungsbooms. In den USA vollzog sich ein wahres Beschäftigungswunder, welches in Europa und vor allem in Deutschland jedoch ausblieb. Seit 1985 sind in den USA 20 Millionen neue Arbeitsplätze entstanden, davon 95 Prozent im Dienstleistungssektor. Gleichzeitig hat sich die Arbeitslosenquote über die letzten Konjunkturzyklen zurückgebildet und sich derzeit konstant bei unter fünf Prozent eingependelt. Im Vergleich dazu ist die deutsche Arbeitslosenquote mit elf Prozent mehr als doppelt so hoch. In den Vereinigten Staaten verdienen mittlerweile 80 Prozent der Erwerbstätigen ihr tägliches Brot im Dienstleistungssektor. Der Weg ist also klar: Deutschland muss offensiv den Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft anstreben.
Wichtig ist dabei, dass die Produktivität nicht nur in den Dienstleistungsbereichen gesteigert wird, sondern auch ein Wandel zur Wissensgesellschaft vollzogen wird. Denn "in der Dienstleistungsökonomie ist Wissen der elementare Treibstoff für das Zünden einer neuen Wohlstandsrakete", so Müller.
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Datum: 06.04.2006 - 09:19 Uhr
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