Buchkritik: Frank Kelly Rich huldigt König Alkohol
ID: 35312
Das Handbuch für den modernen Trinker reicht für fünf Flaschen Bier
Dass Butter und Milch teurer werden – damit hätten wir uns ja noch abfinden können. Doch jetzt schreckt uns eine Horrormeldung auf: Die Bierpreise werden in Zukunft deutlich anziehen. Schlechte Zeiten für Trinker, könnte man meinen. Wer traurig ist, sollte Trost in der Lektüre suchen. Vortrefflich dazu geeignet ist das sehr schön gestaltete Taschenbuch „Die feine Art des Saufens“. Also, liebe Leser, entspannen Sie sich, machen Sie eine gute Flasche Wein oder ein echtes deutsches Bier (wahlweise auch ein tschechisches) auf und setzen sich in Ihren bequemsten Sessel. Frank Kelly Richs kleines Trinkerbrevier hat rund 200 Seiten. Das macht geschätzte fünf Stunden Lesezeit oder – anders formuliert – anderthalb Flaschen Wein oder fünf bis sechs 0,5 Liter-Flaschen Gerstensaft.
Das Buch ist ein Angriff gegen all jene, die einen Kult um den eigenen Körper treiben und die Gesundheit zu ihrer neuen Religion ernannt haben. Laut Rich ist es „die lange überfällige Antwort auf die Armeen selbst ernannter Kindermädchen, die uns glauben machen wollen, dass kein bisschen Spaß den langen, grauen Marsch in die Arme des Todes unterbrechen dürfe. Die Kriegserklärung an jene, die die Gesellschaft mit der Androhung sozialer Ächtung dazu gebracht hat, alles (das Glück eingeschlossen) nur in homöopathischen Dosen zu genießen. Und uns einreden wollen, dass alles was uns Spaß macht, schlecht sein müsse.“ Manch einer wird hier an das Rauchverbot in Deutschland denken. Doch Vorsicht: Im Gegensatz zu ihren qualmenden Mitmenschen schädigen die passionierten Schluckspechte nur ihre eigene Gesundheit. Was übrigens auch in Frage gestellt werden muss, denn Wein ist ja bekanntlich ein reines Wellness-Getränk.
Es ist nahezu unmöglich, den geistvollen Gehalt dieses Handbuchs für Trinker wiederzugeben. Wer die 77 Säuferregeln, die bacchantischen Tempel (Bars und Kneipen), Partystrategien, die Kraft des positiven Trinkens, Umgangsformen im Verhalten gegenüber Abstinenzlern oder die Geschichte des Alkohols kennen lernen will, muss dieses Buch kaufen. Oder machen Sie es wie der Rezensent und bestellen sich ein Leseexemplar. Das gesparte Geld können Sie dann getrost in den eigenen Alkoholvorrat investieren...
Der Autor hat die Gabe, schwierige Sachverhalte auf den Punkt zu bringen. Zum Beispiel: „Einer Unbekannten einen auszugeben, hat nach wie vor Stil. Es den ganzen Abend zu tun, ist dumm“ oder „Besoffen zu sein, heißt, sich eloquent fühlen, ohne es aussprechen zu müssen.“ Tiefsinniger wird es in dem Kapitel „Das Zen des einsamen Trinkens“. Es ist eine böswillige Mär, dass das einsame Trinken keinen Spaß macht. Wahrscheinlich wurde diese zweifelhafte Weisheit von rheinischen Frohnaturen in die Welt gesetzt, die sich nur im Kollektiv wohl fühlen. Auf ein gepflegtes Bierchen ist immer Verlass, vorausgesetzt, man hat den Kühlschrank gefüllt. Von seinen zweibeinigen Mitbürgern auf Erden kann man eine solche Verlässlichkeit und Treue nicht erwarten.
Als Beigabe zum einsamen Trinken empfiehlt Rich langsame, melodielastige Musik wie Tom Waits, das Jackie Gleason Orchestra, Johnny Cash oder Portishead. Aus eigener Anschauung raten wir ferner zu Leonard Cohnen – vorausgesetzt, man hat keine eigene Waffe im Haus und die nächste Autobahnbrücke ist weit entfernt – oder Morrissey. Als Lektüre die Bücher von Richard Yates, auch er ein begnadeter Trinker, zeitlebens als Schriftsteller verkannt, so dass er sich als Werbetexter, Redenschreiber und Dozent an zweitklassigen Lehranstalten durchschlagen musste. Daher eine persönliche Empfehlung: Kaufen Sie sich die großartigen Romane „Zeiten des Aufruhrs“ und „Easter Parade“ sowie den Erzählungsband „Elf Arten der Einsamkeiten“ von Richard Yates. Anschließend haben Sie eine gehörige Depression, die sich nur mit Alkohol kurieren lässt. Hier schließt sich der Kreis.
Frank Kelly Rich: Die feine Art des Saufens. Ein Handbuch für den modernen Trinker. Tropen Verlag http://www.tropen-verlag.de: Berlin 2007. 202 Seiten. ISBN 978-3-932170-96-6. 14,80 Euro.
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Datum: 13.09.2007 - 10:57 Uhr
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