Badische Neueste Nachrichten: Neue Souveränität
Kommentar Von Rudi Wais
ID: 1029682
zu blamieren. Wo auch immer er auftritt, in welches Land auch immer
er reist: Die Reden, die er hält, sind schon lange vorher so
feinfühlig formuliert worden, dass sich kein Zuhörer ausgeschlossen
fühlt und schon gar niemand brüskiert. Die Betriebe, Gedenkstätten
oder Vereine, die er besucht, haben sein Amt und die jeweiligen
Botschaften auf Herz und Nieren geprüft - und wenn der Präsident dann
kommt, folgt alles einer strengen protokollarischen Choreografie.
Fettnäpfchen, in das der erste Mann im Staate treten könnte, stehen
bei solchen Anlässen in der Regel nicht herum. Für die Reise von
Bundespräsident Gauck nach Griechenland gilt das nur eingeschränkt.
Ein Land, dessen Zeitungen die deutsche Kanzlerin in Nazi-Uniform
abbilden und das sich vom wohlhabenden Teil Europas wie ein
Aussätziger behandelt fühlt, ist auch für den Bundespräsidenten ein
schwieriges Pflaster. Joachim Gauck allerdings hat sich auf diesem
unsicheren Untergrund mit einer Souveränität bewegt, wie viele seiner
Kritiker sie ihm schon nicht mehr zugetraut haben. Zwei Jahre nach
dem Rücktritt von Christian Wulff, so scheint es, ist der Neue
endlich angekommen in seinem Amt. Sein Start damals, das weiß auch
Gauck, war alles andere als glücklich. Obwohl von Union und FDP ins
Amt gehievt, engagierte er für seinen Stab vor allem Grüne und
Sozialdemokraten. Wann genau sich das Rollenverständnis des
Bundespräsidenten zu verändern begann, lässt sich im Nachhinein
schwer rekonstruieren. Zum ersten Mal öffentlich wurde das Ergebnis
dieser Metamorphose bei der Münchner Sicherheitskonferenz, als Gauck
in seiner bislang wohl besten Rede dafür warb, Deutschland solle sich
in der Welt "früher, entschiedener und substanzieller" einbringen.
Was auf den ersten Blick nur wie ein Plädoyer für weitere
Militäreinsätze aussieht, entpuppt sich bei näherem Betrachten als
politische Ableitung von Gaucks Mega-Thema, der Freiheit. Zur
Freiheit gehört für ihn auch, Verantwortung zu übernehmen, für sich,
aber auch für andere, Unfreie zumal. Deutschland soll sich seiner
globalen Verantwortung stellen und sich nicht mehr hinter seiner
Vergangenheit verschanzen. So oder so ähnlich wird sie im nächsten
Jahr, beim 70. Jahrestag des Kriegsendes klingen - die Gauck-Doktrin.
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Badische Neueste Nachrichten
Klaus Gaßner
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Datum: 07.03.2014 - 22:45 Uhr
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