Neue OZ: Interview mit Oliver Janz, Historiker
ID: 1046583
Gedenken an den Ersten Weltkrieg
"Die Frage der Schuld führt eher in die entgegengesetzte Richtung"
Berlin. Der Berliner Historiker Oliver Janz hat im Hinblick auf
den Ersten Weltkrieg eine neue Gedenkkultur gefordert. Dazu gehöre
vor allem eine gemeinsame Erinnerung der Europäer, sagte Janz in
einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Montag). "Diese
Form der Erinnerung basiert auf Empathie, auf dem Mitgefühl für die
Leiden anderer. Das funktioniert unabhängig von der nationalen
Zugehörigkeit", sagte Janz. Damit sei eine "transnationale
Erinnerung" möglich, sagte der Historiker und relativierte in diesem
Kontext die Frage nach der Schuld am Ausbruch des Krieges. "Die Frage
der Schuld führt eher in die entgegengesetzte Richtung", so der
Experte.
Nach der Einschätzung von Janz ist die Erinnerung an den Ersten
Weltkrieg in Deutschland und Frankreich noch sehr stark national und
damit unterschiedlich strukturiert. "Für Frankreich ist der Erste
Weltkrieg deshalb so wichtig, weil er ein klarer Sieg und ein
gerechter Verteidigungskrieg war", sagte Janz. In Deutschland dagegen
sei der Erste Weltkrieg in der Erinnerung durch den Zweiten Weltkrieg
und den Holocaust klar überlagert. Das nationale Narrativ der
Deutschen sei ganz auf diese Inhalte des Gedächtnisses ausgerichtet.
"Diese Erzählung läuft auf das Eingeständnis größter Verbrechen, aber
auch auf weitgehende Läuterung hinaus. Deutschland ist danach
sozusagen Erinnerungsweltmeister geworden", so Janz.
Der Erste Weltkrieg sollte allerdings besser in die deutsche
Erinnerungskultur integriert werden, forderte Janz. Erinnern sei
immer eine "Gestaltungsaufgabe". Die kollektive Erinnerung müsse in
ihren zentralen Punkten auf Stimmigkeit hin angelegt werden.
Gesellschaften, die in diesen Erinnerungsinhalten im Konflikt
miteinander lägen, drohe "im schlimmsten Fall (...) eine Art
symbolischer Bürgerkrieg".
Nach der Einschätzung von Janz bietet die Erinnerung an den Ersten
Weltkrieg die Möglichkeit, Frieden wieder neu schätzen zu lernen.
"Der Vorgang zeigt, dass Frieden in Europa nicht einfach gegeben ist,
sondern immer wieder erarbeitet werden muss". Oliver Janz
abschließend: "Auch globale Vernetzung, welcher Art auch immer, ist
kein Allheilmittel gegen Krieg".
Janz ist Professor für Neuere Geschichte am
Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin und hat mit
dem Buch "14 - Der große Krieg" eine neue Gesamtdarstellung des
Ersten Weltkrieges vorgelegt. Er leitet auch die digitale
Online-Enzyklopädie "1914 - 1918. International Encyclopedia of the
First World War".
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Datum: 14.04.2014 - 05:00 Uhr
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