Börsen-Zeitung: Unwohl, Kommentar zur EZB von Mark Schrörs
ID: 1056832
Draghi hat mit seiner Aussage, der EZB-Rat fühle sich wohl damit,
beim nächsten Mal zu handeln, de facto ein klares Signal gesetzt,
dass die Europäische Zentralbank (EZB) im Juni ihre Leitzinsen weiter
senken und/oder zu anderen Mitteln greifen wird. Wirklich verstehen
muss man das nicht - und gutheißen erst recht nicht. Auf keinen Fall
allerdings darf die EZB nun überziehen.
Natürlich gibt es bei solchen Ankündigungen immer eine
Restunsicherheit. Draghi hat sich aber nun selbst - und das bewusst -
derart unter Zugzwang gesetzt, dass es kaum vorstellbar erscheint,
wie er da ohne Gesichtsverlust herauskommen will, ohne im Juni
nachzulegen.
Sein Bekenntnis erscheint aber fast paradox, wenn er zugleich in
seinen - zentralen - "Einleitenden Bemerkungen" mehr oder weniger
jenes Bild bestätigt, das zuletzt stets als Argument gegen
Lockerungen genutzt wurde: eine aktuell und absehbar geringe
Inflation, die aber mit dem sich fortsetzenden Aufschwung
mittelfristig anzieht. Tatsächlich spricht weiter vieles dafür, dass
es so kommt.
Sicher hat es den Währungshütern einiges Kopfzerbrechen bereitet,
dass der Euro erneut nahe an die 1,40-Dollar-Marke herangeklettert
war. Eine weitere Aufwertung würde die Inflation weiter dämpfen. Da
brauchte es womöglich ein Signal. Aber das hätte nicht gleich eine
Vorfestlegung für Juni sein müssen.
Das größte Risiko einer lange niedrigen Inflation per se ist ohne
Frage, dass die Inflationserwartungen absacken. Einige Indikatoren
haben bereits nachgegeben. Aber bislang erscheinen sie noch stabil.
Die EZB tut deshalb gut daran, in Alarmbereitschaft zu sein. Das gilt
auch für die Risiken für die Erholung. Für Panik aber besteht kein
Grund.
Die EZB hat zudem das Problem, dass fast alle verbliebenen
Instrumente große Risiken bergen: Eine Leitzinssenkung etwa würde nur
in Kombination mit einem negativen Einlagesatz etwas bewirken. Die
EZB sieht das inzwischen gelassener, und es ist deshalb eine
realistische Perspektive. Aber es ist ein Schritt mit schwer
kalkulierbaren Folgen.
Als naheliegende Optionen erscheinen auch neue Liquiditätshilfen
oder ein Wertpapierkaufprogramm ("credit easing"). Die EZB läuft aber
Gefahr, die Banken weiter an ihren Tropf zu gewöhnen. Und wenn sie
als künftige Aufsicht den Banken Papiere abkaufte - was wäre das für
ein Signal? Von Staatsanleihen sollte die EZB auf jeden Fall die
Finger lassen, solange keine Deflation droht. Die EZB muss höllisch
aufpassen, nicht mehr Schaden anzurichten, als Nutzen zu stiften.
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Datum: 08.05.2014 - 20:55 Uhr
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