Arzt leitete Brustkrebsvorsorge im Ruhrgebiet jahrelang ohne vorgeschriebene Qualifikationen
ID: 1059388
Brustkrebs-Vorsorgeprogramm für die Region ohne eine erforderliche
Qualifikation geleitet. Der Verantwortliche für das
Mammographie-Screening in Essen/Mülheim/Oberhausen, Dr. K., konnte
nach Recherchen von NDR/WDR und Süddeutscher Zeitung wiederholt nicht
die geforderte Anzahl von Biopsien nachweisen. Das bemängelte
mehrfach das Referenzzentrum Münster als zuständige
Kontrolleinrichtung. Seit Ende 2010 wiesen auch mehrere Ärzte aus der
Region bei der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein auf
die Mängel hin und beschwerten sich über mögliche Fehldiagnosen des
Arztes. Der jährliche Nachweis von mindestens 50 Biopsien ist
Voraussetzung für die Leitung einer Screening-Einheit in dem
bundesweiten Vorsorgeprogramm. Doch die Kassenärztliche Vereinigung
Nordrhein ließ K. bis Herbst 2013 weitermachen. "Man hätte viel
früher eingreifen müssen", sagte die renommierte Hamburger Radiologin
Prof. Dr. Ingrid Schreer, die Fortsetzung des Screenings habe eine
"Gefahr für die Frauen" dargestellt. Dr.K., das Referenzzentrum und
die Kassenärztliche Vereinigung wollten Fragen zu den Vorwürfen nicht
beantworten.
K.s mangelnde Erfahrung wurde ab 2010 deutlich, als er anstelle
seines ausgeschiedenen Praxispartners die Biopsien nun eigenhändig
durchführen musste. Nach Aussagen von Mitarbeiterinnen beherrschte er
die vorgeschriebenen Methoden nicht, musste Unterstützung von anderen
Ärzten und Gerätetechnikern anfordern. Dabei soll es mehrfach zu
Fehlern bei Biopsien gekommen sein, durch die verdächtige Befunde
abgeklärt werden. Die Vorsitzenden und Justitiare der Kassenärztliche
Vereinigung (KV) Nordrhein wurden seit 2010 immer wieder von
alarmierten Ärzten aus der Region auf mögliche Diagnosefehler und das
Fehlen der Qualifikationen K.s aufmerksam gemacht. Das
Referenzzentrum stellte Mängel fest, ließ K. aber unter Auflagen
zunächst weitermachen.
Erst im Mai 2013 entzog die Kassenärztliche Vereinigung dem
Radiologen zwar die Genehmigung wegen gravierender Mängel und
Gefährdung des Patientenwohls mit sofortiger Wirkung. Doch K. durfte
wenige Tage später seine Tätigkeit wieder aufnehmen. Die KV bewertete
das öffentliche Interesse an einer Fortsetzung des Screenings höher
als die "möglicherweise für eine kurze Zeit gegebene Gefahr für
Patienten", geht aus einem Beschluss des Sozialgerichts Düsseldorf
hervor. Erst Ende 2013 gab K. die Verantwortung für das Screening ab,
praktiziert aber weiter als Radiologe.
Man hätte aus den festgestellten Mängeln Konsequenzen ziehen
müssen, sagte die renommierte Hamburger Radiologin Prof. Dr. Ingrid
Schreer NDR/WDR und SZ mit Bezug auf die Kassenärztliche Vereinigung
Nordrhein und das Referenzzentrum Münster. Nun sei nicht klar, ob
über Jahre hinweg die notwendigen Biopsien in der Region durchgeführt
wurden. Eine Alternative, etwa die Übernahme des Screenings durch
benachbarte Einheiten, "wäre sicherlich gefunden worden, wenn man es
denn gewollt hätte", sagte die Ehrenpräsidentin der Deutschen
Gesellschaft für Senologie. Schreer sprach von einem "Einzelfall" im
insgesamt sehr gut kontrollierten Mammographie-Screening, den sie nie
für möglich gehalten hätte und der nun das Vertrauen der Frauen in
das Vorsorgeprogramm schädigen werde.
Der Erfolg des 2005 bundesweit eingeführten
Mammographie-Screenings ist unter Experten seit Jahren umstritten. An
dem Brustkrebs-Vorsorge-Programm nehmen in Deutschland jährlich 2,7
Millionen Frauen zwischen 50 und 69 teil. Die gesetzlichen
Krankenversicherungen wenden dafür nach eigenen Angaben 220 Millionen
Euro im Jahr (Stand 2012) auf.
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Datum: 14.05.2014 - 18:30 Uhr
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