DER STANDARD-Kommentar: "Sehnsucht nach Normalität" von Adelheid Wölfl
ID: 1084172
Verhandlungsgeschick erprobt, er hat keine Erfahrung als Politiker
und will sich in keiner Sache festlegen. Der slowenische Wahlsieger
Miro Cerar, der mit seiner losen Truppe von Freunden die Wahlen am
Sonntag auf Anhieb gewann, gibt von sich und seinen Zielen praktisch
nichts preis. Die Slowenen haben den 50-jährigen Juristen aber
trotzdem gewählt, ganz einfach weil er so normal und nett ist.
Der Sohn der Ex-Justizministerin Zdenka Cerar und des
Ex-Turner-Idols Miroslav Cerar, der die slowenische Verfassung
mitgeschrieben hat, scheint keinerlei Affinität zur Macht zu haben,
und obwohl seine Partei nach ihm benannt ist, ist er völlig uneitel.
Cerar könnte als Premier aufgrund seiner mangelnden Erfahrung und
angesichts seiner erprobten Koalitionspartner, die mit ihren
Interessengruppen viel Druck auf ihn ausüben werden, wohl am ehesten
Moderator spielen. Er ist seit vielen Jahren in der Öffentlichkeit
als ruhiger und nüchterner Erklärer bekannt, der nun offenbar für
eine politische Kultur steht, nach der sich viele sehnen.
Denn Slowenien ist zwar ein hübsches, gemütliches, grünes Land, in
dem sehr vieles funktioniert. Andererseits gibt es in diesem Idyll
beeindruckend viele Unbesonnene und Extremisten, die Abnormität
erzeugen wollen. Zuletzt hat sich der Bürgermeister von Ljubljana mit
der Meisterleistung hervorgetan, die erfolgreiche Premierministerin
Alenka Bratusek abzusägen, obwohl sie seine politische Erfindung war,
die Regierung zu stürzen und sich selbst ins Aus zu stellen. Ein
zweiter schwieriger Fall ist jener des ersten slowenischen Häftlings,
der ins Parlament gewählt wurde.
Der Chef der konservativen SDS, Janez Jansa, der wegen eines
Schmiergelddelikts im Gefängnis sitzt, hält seine eigene Partei in
Geiselhaft und treibt sie in eine Ecke voll von
Verschwörungstheorien, aus der sie nicht mehr so schnell herauskann.
Dass die SDS noch am Wahlabend beschloss, die Parlamentsarbeit zu
boykottieren, zeigt ihren Mangel an demokratischer Reife und Respekt
vor dem Wähler. Doch der Schritt kommt nicht ganz unerwartet. Die SDS
unter Jansa sieht sich als Opfer einer politischen Intrige und einer
"kommunistischen Mafia" innerhalb der Justiz. Statt dass Jansa als
Parteichef zurücktritt, schickt er seine Leute aus; um ihn zu rächen.
Alles ist auf ihn fokussiert, nicht auf ein politisches Programm, und
das ist schade, denn Slowenien bräuchte dringend eine seriöse
Opposition, die gerade vor allem die Wirtschaftspolitik der neuen
Regierung unter die Lupe nimmt.
Stattdessen verbarrikadiert sich der ehemalige Dissident und
verdienstvolle Aktivist und lässt niemand anderen ran. Im Gegenteil.
Parteigranden und die zwei Vizepräsidenten der SDS, Zvonko Cernac und
Alenka Jeraj, wurden nicht ins Parlament gewählt. Unterstützung für
die konspirative Weltsicht, wonach in Slowenien kommunistische
Agenten die Fäden ziehen würden, erhält Jansa von der katholischen
Kirche. Manche Priester predigten nun sogar, dass es eine Sünde sei,
Jansa nicht zu wählen. Der Vatikan weigert sich, wegen dieser
Politisierung einen Erzbischof zu ernennen. Als Reaktion gibt es
kirchennahe SDS-Leute, die behaupten, dass deshalb auch der Papst ein
Kommunist sei.
Kein Wunder, dass die Mehrheit der Slowenen angesichts solcher
Wirrheit den supernormalen Miro Cerar wählte.
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Datum: 14.07.2014 - 19:01 Uhr
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Die Slowenen wählten einen unaufregenden Neuling: Unberechenbare gibt es genug (Ausgabe ET 15.7.2014
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