Börsen-Zeitung: Minus 0,2 - Kommentar zur Inflation von Mark Schrörs
ID: 1157522
ist im Dezember unter die Nulllinie gefallen - auf -0,2%. Ist der
Währungsraum nun also doch in jene Deflation abgerutscht, vor der
Internationaler Währungsfonds (IWF) und andere seit Monaten in einem
wahren Wettstreit alarmierter Wortmeldungen warnen? Nein, so etwas zu
behaupten ist nach wie vor Unsinn! Die Europäische Zentralbank (EZB)
dürfte dennoch bald erneut zur Tat schreiten und sogar Staatsanleihen
kaufen. Sie hat sich selbst so unter Zugzwang gesetzt, dass sie kaum
anders kann. Trotzdem bleibt das ein schwerer Fehler.
Dass die Inflation erstmals seit der Weltwirtschaftskrise 2009
unter 0% gerutscht ist, ist in allererster Linie dem drastischen
Absturz der Ölpreise geschuldet. Eine deflationäre Abwärtsspirale, in
der die Verbraucher in Erwartung sinkender Preise Käufe aufschieben
und das die Wirtschaft lähmt, ist weiterhin nicht erkennbar. Im
Gegenteil: Das Verbrauchervertrauen ist hoch, der Konsum stark. Das
befördert der Ölpreisverfall über sinkende Energiepreise sogar - weil
Letzteres die reale Kaufkraft erhöht.
Auch die EZB selbst hält das Risiko für begrenzt. Was sie vor
allem umtreibt, ist die Sorge um die mittelfristigen
Inflationserwartungen, die als Ausweis der Glaubwürdigkeit der
Notenbank gelten und ein wichtiger Parameter für die tatsächliche
Inflation der Zukunft sind. Dass die marktbasierten Indikatoren
zuletzt weiter nachgegeben haben, kann der EZB nicht schmecken. Bei
deren Interpretation scheint aber aktuell Vorsicht angebracht:
Einiges scheint nicht zuletzt durch die EZB selbst verzerrt. Zudem
ist eine kurzfristige exakte Feinsteuerung der Inflationserwartungen
ein überzogenes Ziel.
Solange sich keine dauerhaften Folgen bei den
Inflationserwartungen zeigen oder es Zweitrundeneffekte gibt, sollte
die EZB auch den Ölpreisverfall als das nehmen, was er ist - ein
Mini-Konjunkturpaket, das für die darbende Euro-Wirtschaft gerade
recht kommt. Kurzatmige Panikreaktionen sind Fehl am Platz.
Vor allem aber sollte die EZB die Finger von Staatsanleihekäufen
lassen. Nicht nur, dass dieses Instrument im aktuellen Umfeld
keinesfalls das Wundermittel ist, als das es manche gerne anpreisen -
wobei es ja bemerkenswert ist, dass jene angelsächsische Presse, die
die EZB stets zu solchen Käufen drängt, nun plakativ breite Zweifel
von Volkswirten am Erfolg präsentierte. Noch wichtiger ist, dass die
Risiken des Instruments zu gravierend sind, um es einzusetzen, nur
damit die Inflation ein paar Zehntelprozentpunkte höher ist.
Allenfalls zur Abwehr einer realen Gefahr einer Deflationsspirale
sollte es in Betracht kommen. Aber so weit ist es nicht - trotz der
-0,2%.
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Datum: 07.01.2015 - 20:45 Uhr
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