Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar
200 Jahre Westfalen
Vielfalt ist Stärke
Lothar Schmalen
ID: 1170166
leichtsinnig, der Westfale bodenständig und stur, aber auch fleißig
und erfolgreich - die Klischees über die beiden wichtigsten
Landsmannschaften des Bindestrich-Bundeslandes Nordrhein-Westfalen
sind bestens bekannt. Das große Jubiläum, das der Landstrich zwischen
Weser und Sieg genau 200 Jahre nach der Gründung der preußischen
Provinz Westfalen in diesem Jahr feiern kann, gibt Anlass, über
Westfalen und das Westfälische nachzudenken. Flächenmäßig der etwas
größere, von der Einwohnerzahl her der etwas kleinere Teil von NRW,
ist Westfalen von jeher durch Gegensätze geprägt. Überwiegend
katholische Gebiete stehen überwiegend protestantischen gegenüber.
Der östliche Teil des Ballungsraumes Ruhrgebiet steht den sehr
ländlichen Regionen des Münsterlandes, Sauerlandes und Ostwestfalens
gegenüber. Auch wirtschaftlich gibt es große Unterschiede. Den
krisengeschüttelten Großstädten des Ruhrgebiets steht das in weiten
Teilen prosperierende Ostwestfalen gegenüber. Es ist kein Zufall,
dass die westfälischen Weltmarken wie Oetker, Miele, Claas oder
Bertelsmann allesamt im östlichen Teil Westfalens zu Hause sind. Dass
Westfalen trotz der vielen unterschiedlichen Landstriche eine eigene
Identität hat, zeigt sich in vielen Lebensbereichen. Im Gegensatz zur
katholischen Kirche, die in gleich drei Bistümern organisiert ist
(Paderborn, Münster und Teile der Diözese Essen), bildet die
evangelische Landeskirche von Westfalen mit Sitz in Bielefeld die
religiöse Klammer für den Raum, der genau der alten preußischen
Provinz Westfalen entspricht. Politisch repräsentiert der
Landschaftsverband Westfalen-Lippe den östlichen NRW-Landesteil und
hat dabei Lippe integriert, das ja erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu
Westfalen stieß, aber immer noch eine gewisse Selbstständigkeit
behauptet. Gesamtwestfälische Identität spiegelt sich auch im
Westfälischen Schützenbund oder im Westfälischen Fußball- und
Leichtathletikverband wider. Borussia Dortmund und Schalke 04 sind
sozusagen westfälische Identitätsmarken. Folgerichtig haben beide
Teams Fans in ganz Westfalen. Viele Gegensätze in Westfalen haben
sich inzwischen zu einem befruchtenden Miteinander entwickelt.
Konfessionelle Unterschiede spielen nicht mehr die Rolle wie in der
Vergangenheit. Jenseits von Katholizismus und Protestantismus ist in
westfälischen Großstädten wie Dortmund oder Bielefeld eine
multikulturelle, ja internationale Gesellschaft entstanden, die mit
ihrer Weltoffenheit kaum Platz für ausländerfeindliche oder
deutschtümelnde Beschränktheiten lässt. Und dennoch: In Ruhrgebiet,
Münsterland, Siegerland, Sauerland, Ostwestfalen und inzwischen auch
Lippe ist Westfalen immer noch sehr unterschiedlich - auch
landschaftlich. Gerade diese Vielfalt macht Westfalens Stärke aus.
"Flachlandtiroler" fühlen sich hier genauso wohl wie
Mittelgebirgswanderer. Arbeitsplätze gibt es in der Schwerindustrie
ebenso wie in modernen Dienstleistungsunternehmen. Vielleicht wurde
gerade wegen dieses Gleichgewichts der Unterschiede der Versuch des
Ruhrgebiets, sich politische Vorteile gegenüber dem restlichen
Westfalen zu verschaffen, als empfindliche Störung empfunden. Das
Gesetz, das dieses Gleichgewicht zugunsten des Ruhrgebiets
verschieben sollte, ist allerdings inzwischen - zumindest vorläufig -
wieder in der Schublade verschwunden. Dort sollte es auch bleiben.
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Datum: 06.02.2015 - 20:30 Uhr
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