NOZ: Interview mit Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin beim "Weißen Ring"
ID: 1173326
Opferentschädigungen
Bundesgeschäftsführerin Biwer: Sparpläne "absolut unangemessen" -
Geltungsbereich müsse "dringend" um Delikte wie Stalking ausgeweitet
werden
Mainz.- Vor dem Hintergrund der im Koalitionsvertrag vereinbarten
Überarbeitung des Entschädigungsrechts warnt der Opferhilfeverein
Weißer Ring vor Kürzungen bei der Opferentschädigung. In einem
Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Samstag) sagte
Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer: "Es ist unmenschlich, am Opfer
zu sparen." Sparpläne seien "absolut unangemessen", betonte Biwer,
vor allem, da der Geltungsbereich des Gesetzes dringend ausgeweitet
werden müsse. "Was wir fordern, ist die Aufnahme psychischer Taten,
zum Beispiel Stalking", erklärte Biwer. Auch Wohnungseinbrüche und
deren Folgen decke der Leistungskatalog nicht ab. Hier sei man sich
mit dem Gesetzgeber einig, das Gesetz entsprechend zu erneuern, doch
die Umsetzung sei noch nicht erfolgt. "Wir hoffen nun, dass die
Gesetze möglichst schnell angepasst werden", erklärte Biwer.
Positiv nannte Biwer die nun beschlossene Anwendung einer
EU-Richtlinie zum Opferschutz auch in Deutschland, denn vielen Opfern
von Gewalttaten fehle es an Informationen. Die neue Regelung, die ab
November auch hierzulande gelten soll, sehe "eine generelle
Informationspflicht" vor. "Das ist ein Anfang", sagte die
Bundesgeschäftsführerin und fügte hinzu: "Wir fordern aber, dass alle
Stellen, bei denen sich ein Opfer meldet, sofort über Rechte und
Pflichten aufklären." Hier fehle es an "Zusammenarbeit auf der
Verwaltungsebene", kritisierte Biwer. Problematisch seien auch die
mühsamen Verfahren selbst, erklärte Biwer. "Es ist hart für ein
Opfer, um eine Entschädigung zu kämpfen. Viele scheuen vor dem
Verfahren zurück", kritisierte sie.
Insgesamt fehle es in der Gesellschaft immer noch an Akzeptanz für
die Opfer von Gewalttaten. "Mit dem Opfer beschäftigt man sich nicht
so gern, weil jeder Opfer werden kann", erklärte Biwer das Problem.
Kritik übte sie an der inzwischen nicht nur auf Schulhöfen
gebräuchlichen Beschimpfung "Du Opfer!": Die herablassende
Formulierung schaffe "eine noch höhere Hürde, sich Hilfe zu holen",
warnte Biwer. "Insofern erweist sich die Gesellschaft durch diese "Du
Opfer"-Sprüche keinen Gefallen. Den echten Opfern schon gar nicht,
denn sie bekommen einen gesellschaftlichen Makel." Das Problem treffe
insbesondere junge Männer vom Pubertätsalter bis etwa zum 30.
Lebensjahr. "Diese Gruppe ist von körperlicher Gewalt massiv
betroffen", sagte Biwer. Zudem sei "der Mann als Opfer immer noch ein
Tabuthema".
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Datum: 14.02.2015 - 07:00 Uhr
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