Börsen-Zeitung: Noch tragbar, Kommentar zur Tarifeinigung von Stephan Lorz
ID: 1177456
Deutschland wird gar manches Unternehmen der Metall- und
Elektroindustrie angesichts der nun vereinbarten Lohnsteigerung von
3,4% laut aufstöhnen. Arbeitgeberverbände sprechen von einer
"bitteren Pille" und halten sich allenfalls zugute, damit die -
ebenfalls kostenträchtigen - strukturellen Forderungen der
Industriegewerkschaft bei der Alters- und Bildungsteilzeit
abgeschwächt zu haben. Die IG Metall spricht dagegen von einem
"zukunftsweisenden" Abschluss. Er dürfte auch auf die anderen
Tarifbezirke übertragen werden.
Für die Metallbranche insgesamt scheint der Abschluss, der als
einer der höchsten in den vergangenen Jahren gilt, angesichts
anhaltender Absatzerfolge aber trotzdem noch tragbar zu sein. Zumal
die Produktivität in den Betrieben durch den sich jetzt anbahnenden
neuen Investitionszyklus erhöht wird: Während der Ausstoß von
Produkten je Zeiteinheit 2012 und 2013 noch gesunken war, hat er 2014
nach Arbeitgeberangaben wieder um 1,5% zugelegt. Angesichts
steigender Anlageninvestitionen und verstärkter Anstrengungen in
Richtung neuer Produktionsprozesse (Stichwort Industrie 4.0) dürften
die Produktivitätsgewinne im laufenden Jahr sogar noch höher
ausfallen. Das erweitert den finanziellen Spielraum der Unternehmen
deutlich.
Die Konkurrenz der Industriegewerkschaften zu den
berufsständischen Spezialgewerkschaften hat wohl ebenfalls zum hohen
Abschluss beigetragen: Ärzte, Piloten und Lokführer heimsten zuletzt
exorbitante Tarifsteigerungen ein. Dahinter will die IG Metall, die
eine recht heterogene Mitgliederschar vertritt, selbstverständlich
nicht weit zurückbleiben, sonst verliert sie an Attraktivität. Und
solange die Entsolidarisierung in der Gewerkschaftswelt, die anfangs
von den Arbeitgebern noch freudig begrüßt worden war, weiter anhält,
werden die großen Industriegewerkschaften auch künftig eine härtere
Verhandlungsführung an den Tag legen, als den Unternehmern lieb ist.
Für die Konjunktur in Deutschland wirkt der Tarifabschluss in der
Metallindustrie zunächst wie ein Turbo. Die anderen Branchen werden
sich des Signaleffekts der Metallbranche nicht entziehen können und
Abschlüsse in ähnlicher Größenordnung anstreben. Die laufenden
Verhandlungen in der Chemiebranche und im öffentlichen Dienst deuten
bereits in diese Richtung. Das wird die Kaufkraft stärken, die
Nachfrage in die Höhe treiben und das Wachstum wetterfest machen -
wovon wiederum die Unternehmen profitieren.
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Datum: 24.02.2015 - 20:50 Uhr
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