Börsen-Zeitung: Der geschenkte Boom, Kommentar zum Arbeitsmarkt von Stephan Lorz
ID: 1194149
derzeit die nächste: Die Arbeitslosigkeit in Deutschland sinkt unter
die Schwelle von drei Millionen Personen. Seit 24 Jahren war sie im
März nicht mehr so niedrig. Das dürfte das Wirtschaftswachstum weiter
befeuern. Zumal die deutsche Konjunkturlokomotive nicht mehr allein
vor sich hin dampft. Inzwischen stehen nämlich auch viele andere
Volkswirtschaften in der Eurozone unter Dampf, was sich dort
ebenfalls auf dem Arbeitsmarkt niederschlägt: Die Arbeitslosenquote
im Währungsraum ist auf das Niveau vom Mai 2012 gesunken. Noch eine
Erfolgsmeldung, also.
Die Entwicklung macht Hoffnung, dass sich der Aufschwung im
Währungsraum verfestigt, sich wieder Zukunftshoffnungen breitmachen
und die lähmenden Abstiegsängste vertreiben. Denn die höhere
Beschäftigung entlastet den Staat und die Sozialversicherungen, was
die Konsolidierung erleichtert und Spielraum für Wachstumsinitiativen
gibt. Von den heilsamen Wirkungen einer größeren Binnennachfrage
durch mehr Beschäftigung und der eines besseren Investitionsklimas
durch optimistischer gestimmte Marktakteure ganz zu schweigen.
Also alles eitel Sonnenschein? Mitnichten. Zum großen Teil fußen
die heute gefeierten Erfolge in Deutschland und in der Eurozone
nämlich auf Sonderentwicklungen, die keine Folge aktiven Handelns
europäischer Regierungspolitik sind, sondern eher einem Glücksfall
gleichen. Da sind die gesunkenen Benzinpreise, die wie ein
fremdfinanziertes Konjunkturprogramm wirken. Diese Entwicklung ist
rein geopolitischer Natur. Der Impuls lässt inzwischen auch nach. Und
der durch die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank künstlich
geschwächte Euro, der den Export beflügelt, ruft allenfalls einen
Strohfeuereffekt hervor. Dieser hält nur so lange an, wie sich die
anderen Währungsräume die Geldpolitik der EZB gefallen lassen und
nicht selber nachziehen.
Zudem sollte zu denken geben, dass Deutschland trotz dieser
günstigen Bedingungen offenbar nicht mehr als 2% Wachstum an den Tag
legen kann, wie Ökonomen erwarten. Rechnet man die Sondereffekte dann
heraus, wird schnell klar, dass es hierzulande schlicht an den
nötigen Reformimpulsen fehlt, um die aktuelle Dynamik
aufrechterhalten zu können. Anders sieht es da etwa in Spanien und
Portugal aus. Sie haben die besten Voraussetzungen für ein
nachhaltiges Wachstum, weil sie auch von den Reformen zehren, die sie
seit 2011 umsetzen. Berlin sollte sich in seiner Reformpolitik an
ihnen ein Beispiel nehmen.
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Datum: 31.03.2015 - 20:50 Uhr
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