Schwäbische Zeitung: "Das Gespür der Kanzlerin" - Leitartikel zu Angela Merkel und Griec

Schwäbische Zeitung: "Das Gespür der Kanzlerin" - Leitartikel zu Angela Merkel und Griechenland

ID: 1236085
(ots) - Zwei Merkmale zeichnen Angela Merkels
Politikstil aus: Unaufgeregtheit und - daraus resultierend -
Zuversicht. Die Bundeskanzlerin verbreitet für gewöhnlich die Aura
des "Alles wird gut", auch wenn sie innerlich vielleicht kochen mag,
weil die erklärte Verlässlichkeit ihrer eigenen Politik nicht immer
erwidert wird. Wenn die 60-Jährige nun aber bekannt gibt, sie
verspüre wenig Zuversicht, dass die Griechen den Bankrott würden
verhindern können, dann ist das alarmierend.

Die Erinnerung an 1953, als Westdeutschland die Hälfte der - meist
kriegsbedingten Schulden - erlassen bekam, ist sicher heilsam für
manchen Deutschen, der heute energisch fordert, die Griechen endlich
aus dem Euro rauszuschmeißen. Es fällt in der Hitzigkeit dieser Tage
immer schwerer, zwischen "den Griechen" und jenen, die sie
repräsentieren, zu unterscheiden.

Ministerpräsident Alexis Tsipras hat mit seiner leidenschaftlichen
Rede vor dem EU-Parlament in Straßburg vielleicht daheim Applaus
geerntet. Aber wer mit klassenkämpferischer Rhetorik und in
weinerlicher Selbstgerechtigkeit darauf verweist, dass die
griechische Misere nicht von ihm, sondern von seinen Vorgängern zu
verantworten sei, offenbart ein staatsmännisches Selbstverständnis,
wie man es für einen griechischen Demokraten nicht vermutet hätte.
Die Bundeskanzlerin weiß, dass es hier und in den nächsten Tagen bis
zum EU-Gipfel am Sonntag nicht um Alexis Tsipras geht. Sondern es
geht natürlich um Griechenland. Aber es geht eben auch um Angela
Merkel.

Deren Gespür für das, was die Menschen wollen, basiert auf den
zahlreichen Meinungsumfragen, die sie und ihr Stab ausführlich zu
konsultieren pflegen. Aber das feine Gefühl für das im Moment
Machbare speist sich auch aus den Rückmeldungen, die sie aus der
CDU/CSU-Fraktion bekommt. Selbst wenn die CDU-Vorsitzende also bereit


wäre, Griechenland jetzt noch eine letzte und eine allerletzte Chance
zu gewähren, wird Merkel das kaum tun, wenn sie damit ihre eigene
Position riskieren würde.



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Schwäbische Zeitung
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Datum: 08.07.2015 - 20:00 Uhr
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