Börsen-Zeitung: Umfeld ist immer, Kommentar zu Börsengängen von Walther Becker
ID: 1270298
Covestro stimmt die Chemie nur mit Discount, Hapag-Lloyd ist in
schwieriges Fahrwasser geraten; Investoren interessieren sich für den
VW-Konzern, weniger für den Zulieferer Schaeffler und Xella kann noch
an ihrer Story bauen. Es ist ein heißer Herbst am Markt für
Börsengänge - doch anders als gedacht. Es sieht eher nach Stürmen
denn einem goldenen Oktober aus.
Zwar steht eine Schlange von Aspiranten vor der Börsenpforte, um
das relativ enge Zeitfenster für ein Initial Public Offering (IPO) zu
nutzen. Doch der Start der Saison mit milliardenschweren
Transaktionen ist holprig. Und einige Kandidaten, die - das passende
Umfeld vorausgesetzt - nur noch aufs Knöpfchen drücken müssen, warten
ab. Sie sind in den Sog einer Gemengelage geraten, für die China, die
US-Notenbank, der Volkswagen-Skandal und die Kapitalerhöhung des
Rohstoffriesen Glencore stehen, die für Investoren zum
milliardenschweren Schuss in den Ofen wurde und Sorgen über die
Entwicklung der Commodity-Preise nährt. Diese Faktoren führten und
führen zu einer deutlich gestiegenen Volatilität, die bekanntlich
Gift für Emissionen ist.
Für Covestro kommen die Gewinnwarnung des US-Rivalen Huntsman
hinzu und eine Abschwächung des BASF-Kurses. Dies hat dazu geführt,
dass gelisteten Vergleichsunternehmen am unteren Ende der
Bewertungsspanne von Covestro handeln - auf dieser Basis ist der
Investorenappetit minimal gewesen. Bayer, die raus aus dem
Kunststoffgeschäft will, hat nicht lange gefackelt und sowohl die
neuen Aktien der Tochter verbilligt als auch das Angebot um 1 Mrd.
Euro verknappt. Zwar muss Bayer auch noch 1 Mrd. Euro nachlegen. Doch
die Trennung ist eingeleitet und auf der niedrigeren Grundlage
greifen Investoren zu.
Für Scout24 sieht es anders aus: ein konjunkturresistentes
Geschäftsmodell, marktführende Positionen und mit E-Commerce der Reiz
des Neuen erlauben eine Milliardenplatzierung in volatilen Zeiten.
Fraglicher erscheinen hingegen die IPOs des Autozulieferers
Schaeffler (als Privatplatzierung) und der Containerreederei
Hapag-Lloyd, einem sehr konjunktursensiblen Geschäft, die schon
vorsichtiger geplant hatte.
Auf Timing und Transaktionssicherheit kommt es in Börsengängen
maßgeblich an. Doch jedes Mal, wenn sich das IPO-Fenster öffnet,
grätschen andere Umstände hinein. Börsengänge sind wie das echte
Leben - der richtige Zeitpunkt lässt sich erst a posteriori
feststellen. Going Public ist wie Being Public stets im Sog der
Gemengelage. Umfeld ist immer.
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Datum: 01.10.2015 - 20:35 Uhr
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