Schwäbische Zeitung: Merkels langer Krieg - Leitartikel zum Krieg in Syrien
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Flugstunden entfernt von hier, eine der Menschheitskatastrophen der
Gegenwart ab. Staaten wie der Irak und Syrien zerfallen, Türken und
Russen, Islamisten, Saudis und Iraner zündeln, 200000 Zivilisten sind
zu Tode gekommen, Millionen Syrer auf der Flucht. Doch in Berlin
lernen viele erst jetzt Begriffe wie Islamischer Staat, Sunniten,
Schiiten, Daesh kennen. Und sie merken erst jetzt, dass all das sehr
nahe und sehr gefährlich ist.
Doch verglichen mit früheren deutschen Diskussionen um bewaffnete
Einsätze im Ausland, in Afghanistan, im Irak, in Libyen, geht es
jetzt atemberaubend schnell mit den Entscheidungen, sollte das
Bundeskabinett denn heute beschließen, 1200 Soldaten bei der Jagd auf
die Terroristen des Islamischen Staats helfen zu lassen. Zwar nicht
mit der Waffe in der Hand, sondern mittels Aufklärungsflügen, aber
immerhin! Wenn die deutsche Beteiligung am Krieg in Syrien klug
vorbereitet ist, würde eine Forderung von Bundespräsident Joachim
Gauck aus seiner berühmten Münchner Rede umgesetzt: Deutschland möge
bei Konflikten nicht mehr abseits stehen.
Aber ist all das klug vorbereitet? Vieles aus Berlin wirkt kopflos
und überhastet: Man verständigt sich mit dem türkischen Präsidenten,
der Kurden jagen lässt und die Meinungsfreiheit unterdrückt, nur weil
es ins Konzept passt. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses,
Norbert Röttgen, spricht über irgendwelche "sunnitischen Kräfte", die
man unterstützen wolle, und redet sich um Kopf und Kragen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel weiß, wie unbeliebt Militäreinsätze
im Lande sind. Deutsche Afghanistan-Veteranen haben erlebt, wie wenig
sich die Gesellschaft für ihren Kampf gegen den Terror interessiert
oder für ihre seelischen Blessuren. Afghanistan hat auch gezeigt,
dass es nicht ausreicht, Alliierte nur symbolisch zu unterstützen.
Dieser Krieg wird ein langer werden.
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Datum: 30.11.2015 - 20:52 Uhr
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