Lausitzer Rundschau: Gift in Adern der GesellschaftÜber Gerüchte und das Internet
ID: 1314454
Gift in den Adern einer Gesellschaft. Sie können sie zersetzen. Von
Mund zu Mund geht die falsche Nachricht, erregt und erzeugt Wut. In
den modernen Zeiten wird sie im Netz mit der "Teilen"-Funktion in
einer Sekunde hundertfach an Gleichgesinnte verbreitet. Und von dort
weiter. So bestärkt man sich gegenseitig, so wachsen
Verschwörungstheorien. Eine in Berlin von einem einzigen Menschen auf
Facebook gestreute Falschinformation über einen angeblich gestorbenen
Flüchtling reicht, um massenhaft Hass gegen die Behörden zu
entfachen. Man hat es ja immer schon gewusst. Und die zweifelhaften,
von der Polizei schnell dementierten Angaben eines pubertierenden
Mädchens über eine angebliche Vergewaltigung durch Ausländer sorgen
für eine Demo von Flüchtlingsgegnern vor dem Kanzleramt. Auch die
haben es immer schon gewusst. Es ist erstaunlich, dass Menschen, die
sich staatskritisch wähnen, ausblenden, in welchem Umfang das
Fälschen von Informationen im Internet nicht nur von Einzelpersonen
und Gruppen betrieben wird, sondern längst auch ganz professionell
von Staaten. Aussteiger haben ausführlich über "Trolle", Personen mit
Scheinidentitäten, berichtet, die Russland systematisch loslässt. Und
dass China und andere totalitäre Länder das Netz manipulieren, ist
seit Langem bekannt. Trotzdem glauben viele alles, weil sie es
glauben wollen. Man informiert sich nicht mehr, man bestärkt sich nur
noch. Diese Betrachtung hier wird sicher als Beitrag der
"Lügenpresse" einsortiert werden. Und weg damit. Die Entwicklung ist
brandgefährlich. Nicht nur wegen der Flüchtlinge, auf deren Rücken in
den beiden genannten Fällen gespielt wurde. Sondern weil es nicht bei
diesem Thema bleibt. Früher hatten die Menschen aus Fernsehen, Radio
oder Zeitung einen ungefähr gleichen Faktenstand, bevor sie
miteinander diskutierten. Jetzt diffundiert die Information. Jetzt
wird nicht mehr diskutiert. Sondern nur noch gepöbelt und geschrien.
Es gibt kein wirkliches Gegenmittel. Außer, dass die seriösen Medien
noch sorgsamer arbeiten müssen, noch vorsichtiger. Manchmal muss man
mit einer Veröffentlichung eben warten, auch auf Online-Portalen. Der
Zusatz "nach unbestätigten Angaben" ist kein Freibrief. Auch Polizei,
Justiz, überhaupt alle Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft,
müssen so korrekt wie möglich kommunizieren. Es muss
Informationsquellen geben, denen man halbwegs verlässlich trauen
kann, von denen man weiß, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen
arbeiten. Denn wenn es keine gemeinsame Informationsbasis in einer
Gesellschaft mehr gibt, gibt es auch keine Kompromisse mehr. Dann
lebt man in den Gruppen im besten Fall feindselig nebeneinander her.
Im schlechtesten schlägt man sich die Köpfe ein.
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Lausitzer Rundschau
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Datum: 28.01.2016 - 20:22 Uhr
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