Aachener Zeitung: Kommentar Ein kleines Wunder Europa braucht einen Schub gegen Verdrossenheit Bernd

Aachener Zeitung: Kommentar
Ein kleines Wunder
Europa braucht einen Schub gegen Verdrossenheit
Bernd Mathieu

ID: 1337888
(ots) - Wenig Osterzauber strahlt auf dieses Wochenende. Zu
benommen sind wir nach den schrecklichen Ereignissen in Brüssel. Zu
skeptisch, was die Perspektiven für unsere zwar liebgewonnene, aber
nicht wirklich wertgeschätzte Welt der Freiheit und des Wohlstands
angeht. Wir haben erneut begreifen müssen, dass Europa, ein Geschenk
der Nachkriegszeit von grandioser historischer Dimension, zum
Spielball sturer nationaler Egomanen verkommen ist. Die
Entsolidarisierung in der Flüchtlingsfrage war das erste Beispiel
nationalstaatlicher Rücksichtslosigkeit. Von den Werten des
christlichen Abendlands reden wir Christen am besten nicht mehr. Was
aus diesem hehren Anspruch geworden ist, spiegelt sich im Schlamm von
Idomeni wider. Ob der Umgang mit Flüchtlingen, die vor dem IS-Terror
fliehen, oder mit den Terroranschlägen: Europa besitzt keine
politische Handlungsfähigkeit. Es hat seine Kraft verloren, es
orientiert sich nicht mehr am Gelingen, sondern am Trennenden. Europa
wäre in seinem neu entflammten Nationalstaatsdenken am liebsten eine
Festung mit "Schutzwall". Welche Absurdität im Jahr 2016! Wir sind
nicht mehr stolz auf die Demokratie, auf die Freiheit, auf die Werte,
auch nicht mehr auf das Christentum, das wir allzu schnell verleugnen
und der Beliebigkeit preisgeben. Wir definieren lieber, wer nicht
dazugehören darf. Wir erleben in immer hemmungsloserer Art, wo Europa
bereits gescheitert ist, wenn die anti-europäische polnische
Ministerpräsidentin Beata Szydlo sich als Reaktion auf Brüssel
weigert, 400 Flüchtlinge aufzunehmen, gleichwohl jedoch unverdrossen
EU-Milliarden einkassiert. Das hat mit europäischer Ehre nichts mehr
zu tun. Aber zu viele halten den diplomatisch und politisch
korrekten Mund. Die gestaltende Elite hat viel Vertrauen verloren.
Dazu haben nicht nur die Politiker und die Institutionen, sondern


auch die Medien und die Kirchen beigetragen. Die Medien mit manchen
Übertreibungen und gieriger Alarmierung, mit unzulänglichen Analysen,
die Kirchen mit dem Beharren auf alltagsfernen Positionen und dem
Ausblenden der Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert, auch mit
mancher abweisenden Kälte, die mit der Barmherzigkeit des
Evangeliums nicht vereinbar ist. Den Menschen Vertrauen zurückgeben,
das ist leicht gesagt, und dennoch ist jeder dafür verantwortlich;
denn Europa lebt aus der Gesellschaft heraus. Es lebt von seinen
Bürgerinnen und Bürgern, nicht von den Parteien, Parlamenten,
Institutionen, Verbänden, Lobbyisten. Was haben Generationen vor uns
erreicht! Wir sollten uns schämen, das mit egoistischen
Befindlichkeiten und dem Kleinmut materiell abgesicherter
Bequemlichkeit aufs Spiel zu setzen. Wer Europas Vielfalt, seine
Chancen, seine Zukunft, seinen Wert für die Würde der Menschen in
armen Regionen dieser Erde verspielt, wird ein böses Erwachen
erleben. Und wer das europäische Projekt ablehnt, soll sagen, wie er
morgen und übermorgen leben will. Europa braucht einen Schub. Ein
kleines Wunder vielleicht. Eine Art Auferstehung.



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Redaktion Aachener Zeitung
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Datum: 25.03.2016 - 16:17 Uhr
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