Aachener Zeitung: Kommentar von Bernd Mathieu Wie erwartet! Was bewirken nun die Botschaften des Pap

Aachener Zeitung: Kommentar von Bernd Mathieu
Wie erwartet!
Was bewirken nun die Botschaften des Papstes?

ID: 1353950
(ots) - Dieses Europa ist ziemlich heruntergekommen. Es ist
weiter denn je entfernt von seinen Idealen, seinen Ansprüchen und
leider auch von großen Teilen seiner Bevölkerung. Die europäische
Krise hat Europa ins Wanken gebracht, und Besserung ist angesichts
der Erfolge rechtspopulistischer Parteien nicht in Sicht, weil die
sogenannten Volksparteien keine Rezepte für wirksame Lösungen haben.
Nun erhofften sich einige Politiker bei der Karlspreisverleihung in
Rom von Papst Franziskus den Weg aus dem Dilemma. Das Direktorium
hatte wegen der Krise ja ausdrücklich diesmal keinen Politiker
ausgezeichnet, sondern auf den Papst gesetzt. Die Erwartungshaltung
war groß. Der Papst hat - wie erwartet - Klartext geredet. Der Papst
hat - wie erwartet - die Themen Migration, Flüchtlinge,
Wohlstandsdenken, Konsum, wirtschaftliche Ausbeutung genannt. Der
Papst hat - wie erwartet - Defizite aufgezeigt. Und er hat - wie
erwartet - sehr deutlich den europäischen Skandal der
Jugendarbeitslosigkeit beim Namen genannt und massiv verurteilt.
Franziskus hat damit - wie erwartet - an seine im Ton noch
deutlichere Rede vor anderthalb Jahren im EU-Parlament in Straßburg
angeknüpft. Aber seitdem ist - wie erwartet - keine Frage auch nur
annähernd gelöst worden, sondern - wie erwartet - alles noch viel
schlimmer geworden. Die Mehrheit der Nationalstaaten sieht plötzlich
die Lösung großer Probleme nicht mehr in einem Mehr an Gemeinsamkeit,
sondern in nationalen Alleingängen in Kombination mit verbaler
Lautstärke. Das war so drastisch und so egoistisch und so kurzsichtig
und so naiv nicht zu erwarten. Leider war es zu erwarten, dass es
keine dynamische, konzertierte und von allen Mitgliedsstaaten
koordinierte Offensive gegen Jugendarbeitslosigkeit geben würde. Viel
zu viele EU-Länder lassen ihre jungen Menschen einfach im Stich und


wundern sich über den Frust, den immer mehr junge Europäer haben. Auf
ein Europa, das ihnen keine Perspektive aufzeigt, pfeifen sie. Diese
Entsolidarisierung ist gefährlich, und jede nationale Regierung wäre
gut beraten, sich um diese Thema intensiver zu kümmern als um das
idiotische Errichten von Zäunen und neuen Mauern. Der Papst hat bei
beiden Themen Klartext geredet. Wie erwartet. Er hat die EU
aufgerufen, endlich zur Besinnung zu kommen. Aber wer ist "die" EU?
Das sind nicht nur Martin Schulz, Jean-Claude Juncker und Angela
Merkel. Das sind auch Marine Le Pen, Viktor Orban und die polnische
Regierung. Politiker dieses nationalistischen Kalibers finden im
Dialog, den der Papst als grundsätzliches Element menschlichen
Umgangs fordert, nicht statt. Ähnlich war es drei Tage vor der
Karlspreisverleihung beim Europa-Forum im Aachener Rathaus - wie
erwartet. Reden über die Europaskeptiker, aber keine Besserung in
Sicht. Weil mit den geistigen und handwerklichen Zäunebauern nicht zu
reden ist. Weil sturer Nationalismus dem Verstand keine Chance gibt.
Papst Franziskus hat die Engstirnigkeit verurteilt und natürlich
dafür großen Beifall bekommen. Wie erwartet, aber tatsächlich hat er
vor den Falschen "gepredigt". Vor den Europabefürwortern, vor den
Menschen, die wissen, dass es nur mit und nicht gegen Europa geht.
Wir hätten nach einem Tag wie in Rom schon viel gewonnen, wenn sich
alle europabegeisterten Anwesenden nun kräftig ins Zeug legten, wenn
sie lautstark widersprächen, sobald sie irgendwo ein
nationalistisches Gefasel hören, wenn jemand die extraordinäre
europäische Idee und Notwendigkeit in der Art üblicher
Stammtischparolen wieder einmal diskreditiert. Etwas mehr Bürgersinn
für Europa, etwas mehr Bekenntnis zu einer an sich doch so guten
Sache. Und von der Politik dürfen wir erwarten, dass sie ihre
wesentlichen Hausaufgaben macht und sich nun vor allem der
wichtigsten aller Angelegenheiten widmet, der verheerenden
Jugendarbeitslosigkeit. Hier kann, hier darf es trotz der großen
Differenzen in anderen Fragen doch kein Zögern geben! Das dürfen die
Europäerinnen und Europäer erwarten.



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Datum: 06.05.2016 - 20:06 Uhr
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