AOK-Sparmaßnahme: abgelaufene Krebsmedikamente im Einsatz?

AOK-Sparmaßnahme: abgelaufene Krebsmedikamente im Einsatz?

ID: 1395140
(ots) - Eine neue Sparmaßnahme der AOK führt offenbar zu
einem Sicherheits-Risiko bei der Versorgung von Krebspatienten. Die
Krankenkasse verlangt nach Recherchen des Politikmagazins "Panorama"
(Sendung: Donnerstag, 1. September, 21.45 Uhr, Das Erste) von
Onkologen, bedenkliche Krebsmedikamente zu verabreichen.

Um die hohen Kosten bei Krebsmedikamenten in den Griff zu
bekommen, hatte die AOK kürzlich als erste Krankenkasse in
Deutschland die Zubereitung der lebenserhaltenden Mittel durch
Apotheker ausgeschrieben. Seit dem 1. August werden in fünf
Bundesländern die Medikamente nicht mehr von dem jeweils ortsnahen
Apotheker zubereitet, sondern von dem Gewinner der Ausschreibung -
also dem Apotheker mit dem billigsten Angebot. Diese Praxis führt
nach Recherchen von "Panorama" dazu, dass seitdem an Ärzte
lebenserhaltende Medikamente ausgeliefert wurden, deren Wirksamkeit
nach Herstellerangabe nicht mehr garantiert war.

Im Odenwald bekam eine Onkologin von einer Vertragsapotheke der
AOK mehrmals Krebsmittel geliefert, deren nach Herstellerangabe
zugelassene Aufbewahrungsdauer überschritten war. Es handelte sich
dabei um das Medikament Velcade, für das der Hersteller in seiner
Fachinformation vorschreibt: "Vor der Anwendung darf die gesamte
Aufbewahrungsdauer für das gebrauchsfertige Arzneimittel einen
Zeitraum von 8 Stunden nicht überschreiten." Die AOK-Vertragsapotheke
hatte das Krebsmittel erst 16 Stunden nach der Zubereitung
angeliefert. Die Apotheke verwies gegenüber der Onkologin auf eine
alternative Stabilitätsstudie aus dem Ausland. Danach sei das
Medikament wochenlang verwendbar.

Als sich die Onkologin weigerte, einem schwerkranken Patienten das
Medikament zu verabreichen, verlangte die AOK schriftlich: "Bitte
behandeln Sie die von Ihnen namentlich benannten Patienten heute wie


vorgesehen mit den Ihnen bereits zugestellten und qualitativ
einwandfreien Zubereitungen für onkologische Indikationen. Ein
erneutes Aussetzen einer solchen Therapie bei unseren Versicherten
ist nicht gerechtfertigt." Auf "Panorama"-Anfrage erklärte die AOK,
dass sie von der betroffenen Onkologin die Verabreichung nicht
"eingefordert" habe.

Apotheker haben bei selbst zubereiteten Krebsmedikamenten die
Möglichkeit, Haltbarkeitszeiträume der Hersteller auszudehnen.
Experten kritisieren seit längerem diese Praxis. Die Befürchtung:
Durch die Ausschreibung der AOK sei nun der Preisdruck auf Apotheken
gewachsen - mit unabsehbaren Folgen für die Patientensicherheit.

"Das Problem ist, dass die Wirtschaftlichkeitserwägungen nicht
dazu führen dürfen, dass die Standards in der Behandlungsqualität
dieser krebskranken Menschen herabgesenkt werden. Und genau hier wird
die Gefahr gesehen. Wenn also die Krankenkassen mit einzelnen
Apotheken Exklusivverträge abschließen, könnte es unter anderem dazu
führen, dass die Standards, also die Behandlungsqualität, abgesenkt
wird", sagte Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner (Die
Linke) gegenüber "Panorama".

Ihr Bundesland hatte gemeinsam mit Bayern bereits im Juni einen
Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz der Länder auf den Weg
gebracht. Darin wurde die Gefahr einer erheblichen Verschlechterung
der Versorgung von Krebspatienten durch Exklusivverträge der
Krankenkassen mit Apotheken beschrieben.

Informationen zur Sendung unter www.panorama.de

1. September 2016



Pressekontakt:
Norddeutscher Rundfunk
Presse und Information
Iris Bents
Tel.: 040/4156-2304

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