Über die Götter der Jugend und den Staat ohne Dauer - Wolf Jobst Siedlers drittes Erinnerungsbuch
ID: 18645
Siedlers kulturkonservative Einlassungen zur Architektur, zum Berliner Stadtbild oder zu Preussen sind allgemein bekannt. Als Literaturkritiker hat man ihn nicht mehr so stark in Erinnerung. Schon in jungen Jahren war er Feuilletonchef des Berliner Tagesspiegel. Doch mit der zeitgenössischen Literatur nach 1945 konnte und kann er wenig anfangen. Es gebe keine Romane mehr, die man gelesen haben müsse, weil man darüber spreche, dekretiert er bereits 1959. Deutschland fehle eine literarische Öffentlichkeit. Diese Beobachtung führt Siedler darauf zurück, dass die bundesrepublikanischen Autoren überpolitisiert seien, und das ruiniere selbst die besten Bücher. Als Uwe Johnson mit seinen "Mutmassungen über Jakob" die Bühne betritt, jubiliert der bürgerliche Ästhet: "Endlich eine neue Stimme". Der Held des Johnsonschen Buches erinnert ihn an Parzival oder den Simplizissimus.
Ansonsten ist Siedler von den Büchern geprägt, die er in seiner Jugendzeit gelesen hat: "Die Götter der Jugend aber bleiben einem heilig, auch wenn inzwischen an anderen Altären geopfert wird. Um ein Beispiel aus der eigenen Erfahrungswelt zu geben: Der junge Hemingway bleibt einem unvergesslich, und auch jener Scott Fitzgerald ist mir ein Sprachwunder, selbst wenn inzwischen Legionen von anderen Autoren an seine Stelle getreten sind. Man erinnert sich der Tage und Wochen, da man ihren Büchern zum ersten Mal begegnete. Den Frühling sieht man noch vor sich, spürt den Geschmack des frischen Grüns, das einen umgab, als man im Schwarzen Grund ‚Farewell to Arms’ zum ersten Mal fast atemlos las, und die Begegnung mit dem ‚Grossen Gatsby’ wurde durch nichts Späteres verdrängt, auch wenn man an John Udpides Rabbit-Romane nicht vorüberging."
In dem einzigen Originalbeitrag des Bandes "Bei Besichtigung meiner schriftlichen Hinterlassenschaft" kommt der Autor auch auf das Thema Alter zu sprechen, das zurzeit ja in aller Munde ist. Selbst die Alt- und Uraltgewordenen, so Siedlers Überzeugung, leisteten ihr Bestes in der Jugend. Ein Beispiel: Arthur Schopenhauer habe sein Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" mit dreissig Jahren zu Ende gebracht, und die nächsten vier Jahrzehnte habe er dann nur noch daran gefeilt. Fälle anhaltender Produktivität, die sich bis ins hohe Alter bewährt, sei hingegen selten. Leider muss man sagen, dass Siedlers 2000 und 2004 erschienenen, weitschweifigen und etwas ungeordneten Erinnerungsbücher seine These bestätigen.
In seinem Element ist der Verfasser immer dann, wenn es um die Historie Preussens geht. Er erzählt sie vor allem als eine Geschichte des Verlustes. So machte er bereits 1965 darauf aufmerksam, dass in der Nachkriegszeit kein Berliner, kein Preusse, kein Ostpreusse und auch kein Schlesier einen nennenswerten Einfluss auf die Geschicke der deutschen Politik gehabt habe; eigentlich auch kaum ein Norddeutscher, der im weiteren Sinne zur preussischen Einflussphäre gerechnet werden könne. Und entgegen der Legende, dass Hitler eine direkte Folge des Preussentums gewesen sei, erinnert Siedler daran, dass mit dem 20. Juli 1944 noch einmal der Osten Deutschlands nach vorn trat, "kurz vor seinem Untergang". Dies sei ein nobler Abschied gewesen, "nun ganz als Opfer und nicht als Täter".
Preussen, dieser Staat ohne Dauer, hatte fünf Jahrzehnte Dürrezeit, dann die fünf Jahrzehnte von 1770 bis 1820 und schliesslich noch einmal jene fünf Jahrzehnte, die mit 1933 endeten; dann war alles vorbei. "Preussen, der Aussenseiter, der Fremdling auf der Szenerie der Zeit, ist darin ganz deutsch, dass es keine Dauer kennt", schreibt Siedler. Der Schmerz hierüber ist dem konservativen, auf Tradition bedachten Grandseigneur noch heute anzumerken.
Wolf Jobst Siedler: Wider den Strich gedacht. München: Siedler Verlag 2006. 256 Seiten. 19,95 Euro, ISBN: 3-88680-844-0
Unternehmensinformation / Kurzprofil:
Bereitgestellt von Benutzer: cklemp
Datum: 21.02.2006 - 09:29 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 18645
Anzahl Zeichen: 0
Kontakt-Informationen:
Ansprechpartner: Ansgar Lange
Kategorie:
Vermischtes
Meldungsart: bitte
Versandart: bitte
Freigabedatum: 21.02.2006
Diese Pressemitteilung wurde bisher 766 mal aufgerufen.
Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Über die Götter der Jugend und den Staat ohne Dauer - Wolf Jobst Siedlers drittes Erinnerungsbuch"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von
medienbüro.sohn (Nachricht senden)
Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).
Facebook-Browser könnte soziale Netzwerke umpflügen Berlin/München, 27. Februar 2009, www.ne-na.de - Millionen Deutsche sind mittlerweile in sozialen Netzwerken wie XING, Wer-kennt-wen, Facebook oder StudiVZ organisiert, haben ein Profil und präsentieren sich auf irgendeine Art im Web, ob mi
Finanzbehörden müssen mit Mittelstand innovativer umgehen ...
Schnelle Verfahren zur Stundung von Steuern und Anpassung von Vorauszahlungen Berlin, 26. Februar 2009, www.ne-na.de – Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) www.bvmw.de fordert die Finanzbehörden und Sozialversicherungen zu einem flexiblen und innovativen Umgang mit kleinen un
Kritik von Abfallexperten: Novellierte Verpackungsverordnung zementiert Grünen Punkt ...
Müllkonzern, fördert Preisdumping und unseriöse Recyclingmethoden Berlin/Bonn, 25. Februar 2009, www.ne-na.de - Einige Medien berichteten am Anfang des Jahres von der wundersamen Wiederauferstehung des Grünen Punktes http://www.gruener-punkt.de. So soll der frühere Müllmonopolist Duales Sys
Weitere Mitteilungen von medienbüro.sohn
Erotikbranche: 1. Berliner Stammtisch ...
Erotik, Sexualität und Sinnlichkeit, in diesen Bereichen gibt es vielfältige Möglichkeiten, ein Business zu leiten oder Projekte durchzuführen. Sei es im Bereich Einzelhandel, Produktion, Sexarbeit, Beratung, Performance, Veranstaltung, Kunst und Fotografie oder anderem. Sie wollen in diesem
Unternehmerinnenabend in Berlin - auch im 3.Jahr ein grosser Erfolg! ...
Berlin. Am 17.02.2006 war es soweit: das erfolgreiche Businessnetzwerk "Unternehmerinnenabend in Berlin" feierte seinen dritten Geburtstag. Das Erfolgsprojekt für selbständige Frauen war im Februar 2004 gestartet - damals waren es zwölf Frauen, die der Einladung der Berliner Unterne
Zwischen allen Stühlen. Matthias Walden war den Rechten zu links und den Linken zu rechts ...
Bonn/Berlin - Ruhm ist vergänglich. Dies gilt in besonderem Mass für Publizisten, die in der Regel für den Tag schreiben und meist nach ihrem Tod in Vergessenheit geraten. Ausser Ernst Cramer in der "Welt" erinnerte 2004 kaum jemand an den 20. Todestag von Matthias Walden, den Axel Spri
In der Sozialstaatsfalle - Politik und Tarifkartelle sollten sich vom Arbeitsmarkt fernhalten ...
Schon wieder so ein Krisenbuch, denkt man zunächst. "Deutschland - was nun?" lautet der Titel eines Sammelbandes, der "Reformen für Wirtschaft und Gesellschaft" schon im Untertitel verspricht. Die Krisenbücher haben ja etwas Leidiges an sich. Der Leser wird in der Regel auf de




