Holzverknappung gefährdet etablierte Industriebereiche
ID: 188528
Immer neue Biomassekraftwerke drängen ans Netz, doch das benötigte Holz ist schon heute knapp / Dem deutschen Wald drohen „Brandrodungen“
Die Berechnungen der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO und des Deutschen BiomasseForschungsZentrums (DBFZ) werden von zahlreichen Studien und Ein-schätzungen untermauert. So ergab die Waldinventurstudie 2008, dass 93 Prozent des Holzzuwachses im Wald bereits genutzt werden; im Staatswald sogar 100 Prozent. Auch beim Altholz sind die Kapazitäten erschöpft. „Die gesamte verfügba-re Altholzmenge von 7,9 Millionen Tonnen jährlich ist bereits unter Vertrag, die Biomassekraftwerke müssen ihren Bedarf schon heute über zusätzliche Importe in erheblichem Umfang decken“, bestätigt Uwe Groll, Vorstand des Bundesverbands der Altholzaufbereiter und -verwerter (BAV). Eine Ausweitung von Holzimporten ist kaum noch möglich, auch aus ökologischen Gründen. Denn auch in den Nachbar-ländern ist der Holzvorrat teilweise auf einem historischen Tiefstand. So schlug Ende März die österreichische Sägeindustrie Alarm und erklärte ihre Versorgung für gefährdet.
Politik schürt „Kampf ums Holz“ und riskiert Jobs bei den Holzverarbeitern
Längst sprechen Experten wie Professor Andreas Michanickl von der Hochschule Rosenheim vom „Kampf ums Holz“. Bei diesem Wettbewerb treffen eine Vielzahl von Akteuren aufeinander: die Holzenergiebranche, die bearbeitende Industrie, die Produzenten von Papier und Zellstoff, die Holzbau- und Holzwerkstoff-Unter-nehmen sowie die Hersteller von Möbeln und Verpackungen. International führen-de Vorzeigebranchen geraten dabei in Gefahr – und mit ihnen Tausende Arbeits-plätze. Auf dem diesjährigen Internationalen Kongress der Säge- und Holzindustrie sagte Professor Michanickl: „Schon heute wird man in Deutschland keinen neuen Standort für die Produktion von Holzwerkstoffen finden. Die Produktion wird zu-nehmend aus Deutschland abwandern, mit negativen Folgen für die Möbelindustrie sowie den Maschinen- und Anlagenbau.“
Trotzdem verschärft die Politik auf EU- und Bundesebene den Versorgungseng-pass. Sie protegiert die Wärme- und Stromgewinnung aus Biomasse, also ganz überwiegend aus Holz, um unabhängiger von fossilen Brennstoffen zu werden. 2020 soll es nach einer Studie des bundeseigenen DBFZ fast doppelt so viele
Biomasse-Heizkraftwerke mit einer verdreifachten Gesamtleistung geben, obwohl klar ist, dass selbst ein kompletter Jahreseinschlag Waldholz (ca. 70 Mio. m³) nur etwa vier Prozent des deutschen Primärenergiebedarfs decken könnte.
Wenn aber die Wälder bereits vollständig genutzt werden und rund 70 Biomasse-heizkraftwerke schon heute alles verfügbare Altholz verbrauchen, woher soll das zusätzlich benötigte Holz kommen? Neue Holzverwender werden zwangsläufig zu Lasten der etablierten Unternehmen in den Markt treten. Und sollte dabei – in Folge der Marktanreizprogram¬me und Steuernachlässe – das direkte Verheizen von Holz gegenüber der stofflichen Nutzung die Oberhand gewinnen, gingen zahlreiche Wertschöpfungsstufen in Industrie und Handwerk buchstäblich in Rauch auf.
Produzierende Industrie fordert Energieholzplantagen
Deshalb fordert die produzierende Industrie, dass die Betreiber neuer Biomasse-heizkraftwerke selbst aktiv zur Entspannung der Rohstofflage beitragen. „Wer für
2019 einen Jahresbedarf von einer Million Tonnen Holz anmeldet, wie kürzlich im Raum Berlin für die größten Biomasseanlagen Deutschlands, der kann schon heu-te im eigenen Interesse für ausreichendes Brennholz sorgen, indem er so genannte Kurzumtriebsplantagen anlegt oder anlegen lässt“, sagt Hubertus Flötotto, Vor-sitzender des VHI. Er weist auf den Forstminister Brandenburgs hin, der schon 2009 bei Bekanntwerden der Pläne erklärt hatte, dass das benötigte Holz keines-falls zusätzlich aus Brandenburger Wäldern bereitgestellt werden könne.
Kurzumtriebsplantagen mit schnellwüchsigen Baumarten wie Pappeln und Weiden müssten dabei so konzipiert werden, dass sie nicht zulasten des Waldes, der Natur und der Artenvielfalt gehen. Auf landwirtschaftlichen Böden und brachliegenden Flächen wie ehemaligen Truppenübungsplätzen oder aufgegebenem Industriege-lände könnten sie Wirtschaft und Umwelt gleichermaßen nutzen. Die positive Wir-kung kann sich nach Ansicht des VHI aber nur entfalten, wenn gleichzeitig ein geschlossenes Nutzungssystem für Holz umgesetzt wird. Gegen ein ungeminder-tes politisches „Anheizen“ kämen Energieplantagen allein nicht an, solange stofflich nutzbares Wald- und Altholz direkt verbrannt und damit zu früh aus dem Men-genfluss genommen wird.
„Wir sehen die Politik in der Verantwortung, einen fairen Wettbewerb zwischen stofflicher und energetischer Nutzung herzustellen“, erklärt Flötotto mit Blick auf rund 300.000 Arbeitsplätze im Holzwerkstoff- und Möbelbereich. Aufgrund der heute schon selbstzerstörerischen volkswirtschaftlichen Lage und des Nutzungs-drucks auf den Wald hätten realistische Lösungen auf dem Fundament eines ideo-logiefreien energie-, wald-, ressourcen- und industriepolitischen Konsenses höchste Priorität.
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