Warum gibt es kein deutsches Amazon?
Autor: Wilfried Platten, Redakteur bei der Beratungsgesellschaft für strategische Kommunikation PR-COM in München
Wilfried Platten ist Redakteur bei PR-COM in München. (Quelle: PR-COM)(firmenpresse) - 14. Januar 2025 – Deutschland mag vor gar nicht mal so langer Zeit Export-Weltmeister gewesen sein, Digital-Weltmeister sind wir aber nicht – und werden es wohl auch nie werden. Globale digitale Marktführer wie Amazon oder Alibaba kommen entweder aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten oder aus dem Reich der Mitte. Schiere Größe scheint also eine wichtige Voraussetzung zu sein, ebenso wie üppige Startup-Budgets und ungebrochene Fortschrittsgläubigkeit im Verbund mit der irren Entwicklungsdynamik digitaler Brutstätten wie Silicon Valley oder Shenzhen, die innovative Köpfe aus aller Welt anziehen. So ist unser Land nicht gestrickt. Aber ist es wirklich so einfach?
Deutschland gilt bei der Digitalisierung seit Jahren als lahme Ente, staatlich gesteuerte Projekte wie Gaia-X glänzen durch Erfolglosigkeit, das Online-Zugangsgesetz ist ein kläglicher Rohrkrepierer. Deutsche Unternehmen, Institutionen und Behörden sind gleichermaßen vom digitalen Wachstumshemmer befallen und drohen den Anschluss zu verlieren. Es könnte an staatlicher (Über-)Regulierung liegen, die Beispiele zeigen ja einen starken Bias der öffentlichen Hand. Vielleicht ist es aber auch so, dass Deutschland über viele Jahrzehnte Werte wie ingeniöse Brillanz, ausgefeilte Produktqualität und ambitionierte Produktivität perfektioniert hat, die im digitalen Zeitalter immer weniger gefragt sind, von denen es aber schwer ist, Abschied zu nehmen. Im digitalen Maschinenraum dagegen ist Time-to-Market Trumpf. Hier sind Visionen, Experimentierfreude, Startup-Mentalität, Learning-by-doing, Trial and Error und sukzessive Optimierung in Kundenhand gefragt. Damit stehen ausgerechnet Qualitäten, die über Jahrzehnte hinweg perfektioniert wurden, der Digitalisierung im Weg. Sprich, wir haben viel zu verlieren. Und wer viel zu verlieren hat, riskiert nun mal weniger.
Ungleicher Wettbewerb
Über Jahrzehnte hinweg galt zudem die typische, mittelständisch geprägte Wirtschaftsstruktur als einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für Deutschlands Status als Export-Weltmeister. In der Digitalökonomie wird daraus ein struktureller Nachteil. Hier gilt stattdessen: „Think Big!“ Und daraus erwächst ein weiteres Problem. Je größer und globaler ein Unternehmen aufgestellt ist, desto leichter ist der Zugang zu staatlichen Fleischtöpfen und desto effizienter sind die Steuervermeidungsstrategien. Seit Jahren gelingt es der EU nicht, die chronischen Steuerflüchtlinge an die Kandare zu nehmen. Über Fluchtkorridore wie Irland, Singapur oder die Niederlande zahlen Digitalkonzerne wie Meta, Microsoft oder Booking anteilig weniger Steuern als ein IT-Systemhaus in der Südeifel, sofern es noch nicht nach Luxemburg ausgewandert ist. Von fairem Wettbewerb auf monetärer Augenhöhe kann also keine Rede sein.
Dazu kommt unsere konträre Einstellung zur Datennutzung. Während die skrupellose multiple Analyse und Nutzung der anfallenden Daten den Kern digitaler Geschäftsmodelle darstellt, gilt in Deutschland das Mantra der Datensparsamkeit durch Privacy by Design. Es besagt, dass Anwendungen von vorneherein so ausgelegt sein müssen, dass bei der Datenverarbeitung nur die unbedingt notwendigen personenbezogenen Daten gesammelt werden, unter anderem, um das Recht auf informationelle Selbstbestimmung umzusetzen. Das ist, unabhängig davon, ob man dieses Bürgerprivileg als richtig oder falsch erachtet, kein spannendes Umfeld für Digital-Champions. So gesehen verhindern die Bändigungsversuche der Digitalökonomie, dass sie hier als heimischer wirtschaftlicher Faktor weltweit erfolgreich sein kann. Wir nutzen datengetriebene Geschäftsmodelle zwar milliardenfach als Kunden und vertrauen gutgläubig darauf, dass Alexa nur dann in unseren Wohn- und Schlafzimmern lauscht, wenn sie gerufen wird. Gleichzeitig wollen wir diese Business-Modelle aber gerade wegen ihrer Datenfixierung nicht als Teil der heimischen Wirtschaft akzeptieren – einer der vielen merkwürdigen Widersprüche zwischen hehrem Anspruch und rauer Wirklichkeit.
Hoffnung aus dem Supermarkt
Mit Künstlicher Intelligenz potenziert sich die prekäre Lage Deutschlands in Sachen digitaler Zukunftstechnologien. Die Balance zwischen Innovationsfreudigkeit, Risikoabschätzung und Wertorientierung scheint nicht mehr zu stimmen. Ein Hoffnungsschimmer kommt ausgerechnet aus dem Lebensmittelhandel. Die Schwarz-Gruppe, zu der unter anderem der Discounter Lidl gehört, hat ganz nach Amazon-Vorbild sukzessive ein kleines IT-Imperium aufgebaut: erst IT-Ressourcen für den Eigenbedarf, dann Ausbau zum Hyperscaler für Cloud-Services. Und in der Nähe von Heilbronn entsteht gerade ein KI-Campus, auf dem sich auch der Heidelberger ChatGPT-Konkurrent Aleph Alpha niederlassen wird. Vielleicht ist das ja die Keimzelle zu einem deutschen Silicon Valley.
Doch nach wie vor haben Bedenken und regulatorische Eingriffe Hochkonjunktur, während die Wettbewerbsfähigkeit zunehmend leidet. Es geht also nicht nur um ein deutsches Amazon 2.0, sondern um die grundsätzliche Frage, welche Wirtschaft wollen – und vor allem brauchen wir? Wie müssen die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen, die Fördermittel und letztlich auch unsere Einstellung zum Thema Innovationskultur aussehen, dass sie erfolgreich sein kann. Die Antwort darauf wird spannend. Vom „Weltmeister“-Label aber müssen wir wahrscheinlich so oder so auf absehbare Zeit Abschied nehmen.
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