Verloren geglaubt: Darum könnte dieses Modell wirklich von Michelangelo sein

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(ots) - Ein bislang unbekanntes, aus Lindenholz gefertigtes Modell von Papst Julius II. sorgt ausgerechnet unmittelbar vor dem 550. Geburtstag von Michelangelo Buonarroti für Aufsehen in kunsthistorischen Kreisen. Es könnte das als verschollen geglaubte Modell Michelangelos zu seiner monumentalen Bronzestatue von Papst Julius II. sein. Diese war einst über dem Hauptportal der Basilika San Petronio in Bologna angebracht und galt seit ihrer gewaltsamen Zerstörung im Jahr 1511 als unwiederbringlich verloren.

Die Skulptur, die kürzlich auf dem Kunstmarkt auftauchte, weist mehrere charakteristische Merkmale auf, die auf eine Entstehung im unmittelbaren Umfeld Michelangelos hindeuten. Eine Schlüsselfigur für diese Zuordnung ist die englische Kunsthistorikerin Linda Murray, die bereits in ihrem Werk "Michelangelo, His Life, Work and Times" eine Rekonstruktion des Portals von San Petronio präsentierte. Darin zeigt sie die Michelangelo Bronzestatue von Papst Julius II. genau in jener Sitzposition mit gespreizten Beinen und Drapierung des Gewandes, die sich nun fast identisch im wiederentdeckten Holzmodell wiederfindet.

"Es scheint kein Zweifel daran zu bestehen, dass die wiederentdeckte Skulptur zurückgeht auf die Statue, die in Bologna an der Basilika angebracht war", davon ist etwa der Frankfurter Kunsthistoriker Dr. Robert Bock überzeugt.

So sind die Hände der Skulptur mit roten Handschuhen bedeckt, den "Chirothecae", die Teil der liturgischen Insignien eines Papstes waren. Darüber hinaus fiel ein Siegelring an der linken Hand auf. "Gerade Julius II könnte, obwohl er als der "Kriegerpapst" in die Annalen einging, einen solchen Ring als Ausdruck seiner Nähe zu humanistischen Idealen wie der Kunstförderung und seiner Nähe zu Rom getragen haben", vermutet Bock.

Insgesamt weist die feine Modellierung des Gesichts mit dem leicht geöffneten Mund, umrahmt von einem gestutzten Schnurrbart, der sich von dem leicht kräuselnden Vollbart absetzt, trotz des skizzenhaften Charakters der Skulptur auf Michelangelos charakteristische Handschrift hin.



"Erste dendrochronologische Analysen datieren das verwendete Lindenholz um 1500", erklärt Klaus Rössler für die Eigentümer, also just dem Zeitpunkt des Entstehens der Skulptur. Weitere kunsttechnologische Untersuchungen stehen nun aus und dürften Hinweise zur Klärung der Urheberschaft liefern. Sollte die Skulptur tatsächlich Michelangelo zugeschrieben werden können, wäre sie eine der seltenen Holzarbeiten des großen Renaissancemeisters und ein Meilenstein für die Michelangelo-Forschung.

Gleichwohl ist die Fachwelt noch gespalten: Während einige Kunsthistoriker eine direkte Zuschreibung an Michelangelo für denkbar halten, plädieren andere für eine Entstehung "im Kreis" des berühmten Meisters oder als Nachbildung nach der verschollenen Original-Bronzestatue. Dass das Werk jedoch von einem beliebigen Zeitgenossen stammen könnte, bezweifeln Kenner weitgehend - zu einzigartig erscheint die künstlerische Qualität. Wie Victoria Avery bereits in ihren Forschungen (Michelangelo: Sculptor in Bronze, 2018, pp. 49-79) betonte, soll die Originalstatue einst die größte einzelne Bronzestatue seit der Antike gewesen sein und habe daher bereits zu Michelangelos Lebzeiten für Aufsehen gesorgt. Dennoch erhielt sie - anders als seine berühmten Marmorskulpturen - vergleichsweise wenig kunsthistorische Würdigung, was zum Teil an der politischen Brisanz des Dargestellten und an der späteren Zerstörung lag.

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