"Vollbild" vom SWR deckt illegale Botox-Behandlungen auf

"Vollbild" vom SWR deckt illegale Botox-Behandlungen auf

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(ots) - Landeskriminalämter sprechen von großer Dunkelziffer / Experten: Gesundheitsgefahren bei illegalen Anbietern hoch

Recherchen des SWR-Investigativformats "Vollbild" zeigen, dass Botox in vielen Beauty-Studios von unqualifizierten Behandlerinnen und Behandlern illegal gespritzt wird. Botox ist ein verschreibungspflichtiges Medikament, das nur von Ärztinnen und Ärzten verabreicht werden darf. Den Ermittlern ist das Problem illegaler Botox-Behandlungen nach eigenen Angaben bekannt. Die meisten Landeskriminalämter sprechen von einer hohen Dunkelziffer. Denn die Scham, unqualifizierte Behandler anzuzeigen, sei hoch. Viele Beauty-Studios locken zunehmend jüngere Patienten mit extrem niedrigen Botox-Preisen und offensiver Werbung auf Instagram und TikTok. Darunter befinden sich offenbar auch viele illegale Behandler. Die "Vollbild"-Doku "Botox-Business: Undercover bei illegalen Beauty-Docs" ist ab Mittwoch, 12. März 2025, 5 Uhr in der ARD Mediathek (https://1.ard.de/vollbild_botox?pm (https://1.ard.de/vollbild_botox)) abrufbar.

Mainz/Berlin. "Vollbild"-Reporter haben undercover mit versteckter Kamera mehrere Beauty-Studios im Großraum Berlin besucht und um eine Behandlung mit Botox gegen Stirnfalten gebeten. Die Behandlerinnen gaben Auskunft über ihre unzureichenden Qualifikationen und erzählten, dass sie echtes Botox spritzen. Bei den Undercover-Versuchen hat der Lockvogel die Behandlung jeweils im letzten Moment abgebrochen. Bezahlen konnte "Vollbild" bei all den Versuchen nur bar, Quittungen wurden auch auf Nachfrage nicht ausgestellt. Bei einem Undercover-Versuch wäre sogar ein minderjähriger Lockvogel verbotenerweise mit dem verschreibungspflichtigen Mittel gegen Falten behandelt worden. Auch hier brachen die Reporter den Versuch im letzten Moment ab.

Branchen-Insider: Jede Shisha-Bar wird besser kontrolliert

Konfrontiert mit dem Vorwurf illegaler Behandlung, haben die Studios auf "Vollbild"-Anfrage nicht geantwortet. Die zuständigen Gesundheitsämter Berlin Mitte und Berlin-Pankow teilten mit, dass sie den Hinweisen nachgehen wollen. "Die Anwendung von Botox (...) ohne Arzt/ Ärztin zu sein, stellt einen Straftatbestand dar", schreibt das Gesundheitsamt Berlin-Pankow. Das Gesundheitsamt Berlin Mitte betont, jeder Beschwerde werde nachgegangen. Doch ein Branchen-Insider kritisiert die Berliner Gesundheitsämter im Interview mit "Vollbild". Er sagt, "es hat sich mittlerweile rumgesprochen in Berlin, dass den Behandlern einfach nichts passiert." Jede Shisha-Bar werde besser kontrolliert, so der Insider.



Nur Ärztinnen und Ärzte dürfen Botox verabreichen

Botox ist in Deutschland verschreibungspflichtig und darf nur von Ärztinnen und Ärzten abgegeben werden. Auf Social Media finden sich aber immer häufiger auch Angebote von Kosmetikstudios oder sogar von Privatpersonen, die Botoxbehandlungen in ihren heimischen Wohnzimmern anbieten, wie Recherchen des investigativen SWR-Formats "Vollbild" zeigen (https://1.ard.de/vollbild_medfluencer?tagesschau). Häufig handelt es sich bei den Behandlern um angebliche Heilpraktiker. Der Fachverband der Heilpraktiker (FDH) sowie andere bundesweite Berufsverbände für Heilpraktiker teilen "Vollbild" mit, dass Faltenunterspritzungen mit Botox nur von Ärzten durchgeführt werden sollten. Doch daran halten sich einige Anbieter nicht.

Undercover-Versuche zeigen: Keine Skrupel vor illegalen Behandlungen

Für einen Undercover-Versuch hat "Vollbild" einen 16-jährigen Schauspieler engagiert. Während ein Beauty-Studio ihn aufgrund seines Alters abwies, wurde der Minderjährige im zweiten Studio nicht nach seinem Alter gefragt und auch nicht über mögliche Risiken und Nebenwirkungen einer Behandlung mit Botox aufgeklärt. Botox-Behandlungen von Minderjährigen ohne Zustimmung von Erziehungsberechtigten sind in Deutschland illegal. Die Behandlerin versuchte dem "Vollbild"-Lockvogel sogar eine noch umfangreichere Behandlung zu verkaufen als angefragt. Auch dieses Beauty-Studio hat auf eine Anfrage nicht reagiert.

Illegales Botox aus Onlineshops im Ausland

Doch wie kommen Heilpraktiker und Kosmetiker an das verschreibungspflichtige Botox? Die "Vollbild"-Recherche zeigt, dass Botox einfach in Onlineshops aus dem Ausland bestellt werden kann. "Vollbild" hat eine solche Stichprobe in ein Labor zur Analyse geschickt. Das Ergebnis: Es handelte sich tatsächlich um echtes Botulinumtoxin Typ A. Doch es beinhaltete laut dem Laborttest zu viel Toxin - die Wirkung beim Patienten wäre bei unserer Stichprobe also viel stärker als gewöhnlich ausgefallen. Das hätte bei einer kosmetischen Anwendung zu sehr starken Muskellähmungen führen können. Der Shop auf eine Anfrage nicht reagiert. Aus welchen Beständen das Botox stammt, konnte "Vollbild"" nicht nachvollziehen.

Experten warnen von "Gefahren für Leib und Seele"

Alexander Hilpert ist Plastischer Chirurg und war lange Jahre Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie. Er warnt vor den illegalen Anbietern. Es gebe große Risiken bei nicht fachgerechten Botoxunterspritzungen. "Also die Gefahren sind natürlich für Leib und Seele." Im schlimmsten Fall könnten Nerven verletzt werden und so bleibende Schäden entstehen. "Die Infektionsgefahr ist extrem hoch. Wenn (...) der Behandler nicht ausgebildet ist, kann der halt auch viel, viel kaputt machen." Letztlich könne man entstellt aus der Behandlung kommen, "weil die Muskelgruppen gelähmt wurden, die nicht gelähmt werden sollen, bis hin zu Schluckbeschwerden, Kaubeschwerden. Sie können nicht mehr aus den Augen gucken, weil beide Augenlider hängen. Auch wenn es nur temporär ist, sind das einfach große Schäden."

BKA und Landeskriminalämter: Illegale Botox-Behandlungen bekannt

"Vollbild" hat das Bundeskriminalamt und alle Landeskriminalämter in Deutschland angefragt. Den Strafverfolgungsbehörden ist das Phänomen nach eigenen Angaben grundsätzlich bekannt, auch wenn die meisten Landeskriminalämter dazu keine gesonderten Statistiken führen und so keine Angaben über den Umfang der Ermittlungsverfahren liefern konnten.

Besonders groß scheint das Problem im Land Berlin zu sein. Das LKA dort antwortete "Vollbild": "Es sind in den letzten zwei Jahren verstärkt Anzeigen in diesem Deliktsbereich bei der Polizei Berlin eingegangen. Hierbei handelt es sich häufig um anonyme Anzeigen. Unter den Geschädigten ist die Bereitschaft zur Anzeigenerstattung leider nur sehr gering. Daher geht das Landeskriminalamt von einem großen Dunkelfeld aus."

Scham der Opfer ist groß

Ähnlich sieht die Lage in Bremen aus, wo zwar nur wenige Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden, sich seit drei Jahren aber eine Steigerung der Fallzahlen abzeichnet. In Bayern, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein wurden teilweise Fälle oder Verdachtsfälle im niedrigen ein- oder zweistelligen Bereich registriert. Allerdings schreiben die meisten Landeskriminalämter, dass sie von einem großen Dunkelfeld ausgehen, weil die Scham oder das Unwissen von Opfern solcher Anbieter groß sei, unqualifizierte und illegale Behandler anzuzeigen. Oft erfolgten Anzeigen auch nur anonym.

Mehr dazu in der "Vollbild"-Doku "Botox Business: Undercover bei illegalen Beauty-Docs". Die komplette Recherche ist ab dem 12.3.2025, 5:00 Uhr, in der ARD Mediathek zu sehen: https://1.ard.de/vollbild_botox?pm (https://1.ard.de/vollbild_botox)

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"Vollbild" ist das junge Investigativformat des SWR in der ARD Mediathek

Rückfragen bitte an die Redaktion "Vollbild", Tel.: 06131 929 33499, E-Mail: vollbild@swr.de

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