Gedächtnisforschung: Wie Atmen das Erinnern steuert
ID: 2216658

(ots) -
- Die Atmung beeinflusst, wie das menschliche Gehirn Reize verarbeitet und Erinnerungen abruft.
- LMU-Forschende zeigen: Hirnaktivität beim Erinnern folgt dem Atemrhythmus.
- Das Einatmen ist ein günstiger Moment, um den Hinweisreiz aufzunehmen, und das Ausatmen ein günstiger Moment für die Rekonstruktion der Erinnerung im Gehirn.
In erster Linie atmen wir, um Sauerstoff aufzunehmen - aber möglicherweise hat dieser lebenswichtige Rhythmus auch noch weitere Funktionen. In den vergangenen Jahren haben eine Reihe von Studien gezeigt, dass die Atmung neuronale Vorgänge beeinflusst, unter anderem die Verarbeitung von Reizen sowie Gedächtnisprozesse. LMU-Forschende um Dr. Thomas Schreiner, Leiter einer Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe am Department Psychologie, analysierten in Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und der University of Oxford, wie die Atmung das Abrufen von zuvor erlernten Inhalten beeinflusst und zeichneten auf, was dabei im Gehirn abläuft.
Für das Experiment lernten 18 Probandinnen und Probanden, 120 Bilder mit bestimmten Wörtern zu verknüpfen. Diese Assoziationen wurden anschließend und dann noch einmal nach zwei Stunden Mittagsschlaf abgefragt. Währenddessen zeichneten die Forschenden sowohl die Atmung als auch mittels EEG die Hirnaktivität auf.
Atemrhythmus hilft beim mehrstufigen Prozess des Erinnerns
Wie die jetzt im Fachmagazin The Journal of Neuroscience veröffentlichten Ergebnisse zeigen, konnten sich die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer besser an die Begriffe und die dazugehörigen Bilder erinnern, wenn die Hinweiswörter während oder kurz vor dem Einatmen präsentiert wurden. "Im EEG wird jedoch sichtbar, dass der eigentliche Erinnerungsabruf eher während der anschließenden Ausatmung stattfindet", berichtet Schreiner. "Unsere Daten sprechen also für eine Art funktionale Zweiteilung: Das Einatmen ist ein günstiger Moment, um den Hinweisreiz aufzunehmen, und das Ausatmen ein günstiger Moment für die eigentliche Rekonstruktion der Erinnerung im Gehirn." So zeigt sich, dass der Atemrhythmus das zeitliche Zusammenspiel von Wahrnehmung und effektivem Erinnern prägt.
In den EEG-Aufzeichnungen fanden die Forschenden zwei charakteristische Signaturen erfolgreichen Erinnerns, die Einblicke in die zugrundeliegenden neuronalen Muster geben: Zum einen schwächten sich bestimmte Hirnwellen ab, genauer die Alpha- und Beta-Aktivität. Das weist möglicherweise darauf hin, dass das Gehirn eine Erinnerung aktiviert und sich stärker auf den Abruf fokussiert. Zum anderen konnten sogenannte Gedächtnisreaktivierungen beobachtet werden. Das bedeutet, dass beim erfolgreichen Erinnern die neuronalen Muster wieder auftauchten, die auch beim Lernen aktiv waren.
Im Versuch konzentrierten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ganz auf die Gedächtnisaufgabe, während sie ihren natürlichen Atemrhythmus beibehielten. "Um herauszufinden, ob sich aus unseren Erkenntnissen alltagstaugliche Strategien ableiten lassen, wären Studien mit gezielter Atemmanipulation notwendig", sagt Erstautor Esteban Bullón Tarrasó. Auch bestehe Forschungsbedarf bezüglich länger zurückliegender Erinnerungen. "Die zugrundeliegenden Mechanismen lassen aber vermuten, dass die Atmung auch hier eine Rolle spielt."
Wie stark gedächtnisrelevante Hirnprozesse mit der Atmung synchronisiert sind, kann individuell variieren. Die Forschenden fanden graduelle Unterschiede zwischen den teilnehmenden Personen und schließen daraus, dass die Atmung bei manchen Menschen effizienter mit neuronalen Prozessen verknüpft ist als bei anderen. Und je besser Hirn und Atmung zusammenspielen, desto besser funktioniert vermutlich das Erinnern: "Die Atmung ist ein natürlicher Taktgeber für Gedächtnisprozesse und das verdeutlicht, wie eng Körper und Gehirn miteinander interagieren."
Publikation:
Esteban Bullón Tarrasó, Fabian Schwimmbeck, Marit Petzka, Tobias Staudigl, Bernhard Staresina & Thomas Schreiner: Respiration shapes the neural dynamics of successful remembering in humans. The Journal of Neuroscience 2025
https://www.jneurosci.org/content/early/2025/11/26/JNEUROSCI.1221-25.2025
Kontakt:
Dr. Thomas Schreiner
Klinische Neuropsychologie
Department Psychologie
Tel.: +49 (0)89 2180 5592
Thomas.Schreiner@psy.lmu.de
https://www.schreiner-lab.com
Pressekontakt:
Claudia Russo
Leitung Presse & Kommunikation
Ludwig-Maximilians-Universität München
Leopoldstr. 3
80802 München
Phone: +49 (0) 89 2180-3423
E-Mail: presse@lmu.de
Original-Content von: Ludwig-Maximilians-Universität München, übermittelt durch news aktuellWeitere Infos zu dieser Pressemeldung:
Themen in dieser Pressemitteilung:
Unternehmensinformation / Kurzprofil:
Bereitgestellt von Benutzer: ots
Datum: 04.12.2025 - 10:03 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 2216658
Anzahl Zeichen: 5004
Kontakt-Informationen:
Ansprechpartner: ots
Stadt:
München
Kategorie:
Forschung und Entwicklung
Diese Pressemitteilung wurde bisher 236 mal aufgerufen.
Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Gedächtnisforschung: Wie Atmen das Erinnern steuert"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von
Ludwig-Maximilians-Universität München (Nachricht senden)
Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).
- Die LMU-Pharmazeutin wird zum vierten Mal mit einem Grant des Europäischen Forschungsrats ERC gefördert - Die neue Plattform ALINA soll die Entwicklung von RNA-Therapeutika beschleunigen und Ressourcen schonen - ALINA könnte Vorbild für die breitere Einführung datengestützter Nanocarri
Drei ERC Advanced Grants für LMU-Forschende ...
- Der Europäische Forschungsrat (ERC) vergibt drei prestigeträchtige Advanced Grants an LMU-Forschende. - Erfolgreich waren Projekte von Prof. Dr. Alyssa Ney in der Philosophie, Prof. Dr. Martin Kerschensteiner in der Medizin und Prof. Dr. Thomas Carell in der Chemie. - Die mit je bis zu 2,5
Gesteinsverwitterung kann CO2-Emissionen aus auftauendem Permafrost entgegenwirken ...
- Eine neue im Fachmagazin Nature veröffentlichte Studie zeigt: Das Auftauen von Permafrostböden führt nicht nur zur Freisetzung von Kohlenstoff, sondern kann auch dessen Entnahme aus der Atmosphäre fördern. - Das internationale Forschungsteam quantifizierte hierfür in Flüssen des tibetis
Weitere Mitteilungen von Ludwig-Maximilians-Universität München
Super-Poster-Jahreskalender 2026, Wimmelspaß auf dem Weihnachtsmarkt und kreative Bastelideen: So vielseitig ist das neue medizini! ...
Die Dezember-Ausgabe von medizini sorgt zum Jahresende wieder für strahlende Kinderaugen - mit spannenden Rätseln, faszinierendem Wissen und dem beliebten Tierposter-Kalender für 2026. Die neue Dezember-Ausgabe von medizini bringt in der Adventszeit alles, was Kinder (und Eltern) lieben: jede Me
Freiwilliges Engagement schützt erwerbslose Menschen vor dem Gefühl, nicht Teil der Gesellschaft zu sein ...
Menschen ohne Erwerbsarbeit haben im Vergleich zu Erwerbstätigen ein höheres Risiko, sich sozial ausgegrenzt zu fühlen - besonders, wenn sie arbeitslos sind. Doch auch Personen, die aus anderen Gründen nicht erwerbstätig sind, etwa wegen gesundheitlicher Einschränkungen oder wegen familiärer
Fachkräftemangel im Einzelhandel: Umschulung eröffnet neue Karrierechancen ...
Der deutsche Einzelhandel kämpft mit einem akuten Fachkräftemangel: Laut Handelsverband Deutschland (HDE) bleiben bundesweit über 100.000 Stellen unbesetzt. Gleichzeitig bietet die Digitalisierung der Branche neue Karriereperspektiven. Eine Umschulung zum Kaufmann bzw. zur Kauffrau im Einzelhande
Schlaumik.de startet neuen Bereich Mathematik für die 3. Klasse ...
Schlaumik.de erweitert sein digitales Lernangebot: Ab sofort steht ein umfassender neuer Bereich mit interaktiven Mathematikübungen für die 3. Klasse zur Verfügung. Die Inhalte orientieren sich am LehrplanPLUS Bayern, den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz (KMK) sowie ausgewählten int




