Zwischen Dekarbonisierung, Versorgungssicherheit und Resilienz: Thyssengas Dialog zur Zukunft der Ga

Zwischen Dekarbonisierung, Versorgungssicherheit und Resilienz: Thyssengas Dialog zur Zukunft der Gasversorgung in NRW

ID: 2252013

(ots) - Wie bleibt Nordrhein-Westfalen in einem herausfordernden Marktumfeld ein starker Industriestandort - und welche Infrastruktur braucht es dafür? Diese Frage stand im Mittelpunkt des fünften Thyssengas Dialogs am Montag im Dortmunder U. Unter dem Leitthema "Grüne Gase für den Industriestandort NRW" diskutierten rund 150 Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Behörden über die künftige Gasversorgung. Was im Verlauf der Veranstaltung immer wieder deutlich wurde: Es geht jetzt darum, Handlungsspielräume zu nutzen und Schritt für Schritt ins Machen zu kommen, auch wenn viele Rahmenbedingungen noch unklar sind.

"Nordrhein-Westfalen muss ein starker Wirtschafts- und Industriestandort bleiben - heute und für alle kommenden Generationen. Dafür brauchen wir langfristige Rahmenbedingungen und müssen Infrastrukturen, Energieträger und Sektoren zusammendenken: für Versorgungssicherheit, Resilienz und Dekarbonisierung", eröffnete Dr. Stefanie Kesting, Gastgeberin des Dialogs und CEO der Thyssengas GmbH, die Veranstaltung.

Für Kesting, die seit Anfang des Jahres an der Spitze von Thyssengas steht, ist klar: Der Gasmarkt verändert sich - und damit auch die Anforderungen an Fernleitungsnetzbetreiber. Der sichere und zuverlässige Transport von Gas bleibt die zentrale Aufgabe. Darauf aufbauend entwickelt Kesting den Ansatz von Thyssengas weiter: Das Unternehmen versteht sich stärker als Transformationspartner für Industrie, Kraftwerke, Stadtwerke und Regionen.

Ziel ist es, frühzeitig zu erkennen, welche Energieträger wann und wo benötigt werden, Nachfrage zu bündeln und Akteure entlang der Wertschöpfungskette zusammenzubringen.

Dafür verfolgt Thyssengas einen technologieoffenen Portfolioansatz. Je nach Standort und Bedarf prüft das Unternehmen, welche Optionen technisch machbar, wirtschaftlich tragfähig und perspektivisch anschlussfähig sind. "Die Industrie braucht Orientierung und konkrete Optionen: Erdgas für eine verlässliche Energieversorgung, Biomethan als sofort verfügbaren Baustein der Dekarbonisierung und Wasserstoff als Perspektive für klimaneutrale Produktionsprozesse", so Kesting. Dennoch sind die politischen Rahmenbedingungen wichtig. "Aktuell erleben wir teils sprunghafte politische Grundsatzentscheidungen in einer immer höheren Frequenz, ergänzt um geopolitische Krisen. Die Energiewirtschaft darf dabei nicht zum Spielball von kurzfristigen politischen Interessen, geopolitischen Spannungen und volatilen gesellschaftlichen Erwartungen werden."



Transformation wird zur Standortfrage

Kaum ein Sektor steht so stark unter Druck wie die Stahlindustrie. Sie muss CO2 einsparen, international wettbewerbsfähig bleiben und ihre Produktion im laufenden Betrieb absichern.

"Die Transformation der Stahlindustrie ist ein Epochenumbruch. Sie erfordert eine technologische, organisatorische und wirtschaftliche Neuaufstellung - mit dem Ziel, Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit zu verbinden. Damit das gelingt, brauchen wir verlässliche Rahmenbedingungen, wettbewerbsfähige Energiepreise und eine Infrastruktur, die zeitgenau mit den Bedarfen der Industrie wächst," betonte Dr. Marie Jaroni, CEO von thyssenkrupp Steel Europe, im Rahmen der Veranstaltung.

Grüne Transformation dürfe nicht als Ende industrieller Stärke verstanden werden, sondern als Beginn einer neuen industriellen Ära. Ihre Perspektive unterstrich: Industrielle Transformation und Infrastrukturentwicklung müssen ineinandergreifen. Grüne Gase werden nur dann zum Standortfaktor, wenn sie verlässlich verfügbar sind und rechtzeitig dort ankommen, wo die Industrie sie braucht. Für den Wasserstoff-Hochlauf kann die Stahlindustrie dabei eine Schlüsselrolle übernehmen - als Ankerkunde und industrieller Motor.

Wasserstoff-Hochlauf beginnt bei der Erzeugung

Woher kommen grüne Gase, allen voran Wasserstoff, künftig? Dr. Max Ellerich, Business Development Director bei Hystar, richtete seinen Blick auf die Produktionsseite. Hystar entwickelt Elektrolyseure und arbeitet damit an einer zentralen Voraussetzung für den Wasserstoff-Hochlauf. Für Ellerich ist klar: Die Technologie entwickelt sich dynamisch weiter und bietet großes Potenzial, Wasserstoff künftig effizienter und kostengünstiger zu produzieren. Entscheidend sei nun, Vertrauen in die Technologie aufzubauen und in konkreten Projekten zu zeigen, dass sie industriell funktioniert. Dafür brauche es den Mut, ins Machen zu kommen - ebenso wie verlässliche Rahmenbedingungen und konkrete Abnahmezusagen.

H2-Wertschöpfungskette: Vom Import zum Verbraucher

Ob der Wasserstoff-Hochlauf gelingt, entscheidet sich an der Schnittstelle von Import, Transport und Verbrauch. Jan Eisenberg, Leiter Netzpartner und technische Verträge bei Thyssengas, erläuterte, wie Thyssengas internationale Importperspektiven mit konkreten Bedarfen in NRW zusammenführt. Ulrich Reuter, NRW-Repräsentant des Port of Rotterdam, sowie Sebastian Kaemmer und Harry Smit von Hynetwork, der Tochter des niederländischen Gasnetzbetreibers Gasunie, ordneten die Rolle niederländischer Wasserstoff-Importe für NRW ein. Klar wurde: Der Hochlauf grüner Gase braucht grenzüberschreitende Zusammenarbeit - und den Anschluss an konkrete regionale Versorgungsperspektiven.

Wie das vor Ort gelingen kann, verdeutlicht die geplante H2-Netzerweiterung im Raum Düsseldorf/Neuss. Ansgar Taubitz, Referent Strategie bei Thyssengas, erklärte, wie Thyssengas regionale Nachfrage bündelt, Cluster entwickelt und Erweiterungen des H2-Kernnetzes vorbereitet. Das Fallbeispiel zeigt: Auch wenn die regulatorischen Rahmenbedingungen noch nicht vollständig geklärt sind, treibt Thyssengas die regionale Netzplanung frühzeitig voran und bringt lokale Partner zusammen.

"Für uns Stadtwerke zählt, ob Wasserstoff vor Ort planbar wird. Unternehmen und Kommunen brauchen konkrete Anschluss- und Versorgungsperspektiven. Nur dann können wir investieren, planen und die Transformation der Region aktiv gestalten", betonte Thomas Walkiewicz, Geschäftsführer der Stadtwerke Neuss.

Transformation entscheidet sich in den Regionen

Die besondere Bedeutung regionaler Projekte griffen auch Stephan Pusch, Landrat des Kreises Heinsberg, und Guido Beckers, Geschäftsführer von BMR energy solutions, auf. Anhand des Projekts H2HS machten sie deutlich, wie Wasserstoff-Versorgung aus der Region heraus gedacht und vorbereitet werden kann, gemeinsam mit Kommunen, Wirtschaft und Infrastrukturpartnern.

"Wir brauchen für die Regionen eine Art Businessplan: Wo wollen wir hin, was können wir vor Ort selbst anstoßen und wo brauchen wir Unterstützung von außen? Der erste Schritt sind lokale Netzwerke. Dort zeigt sich, welche Projekte konkret möglich sind und welche Partner es dafür braucht", sagte Stephan Pusch.

Biomethan als pragmatischer Baustein der Dekarbonisierung

Neben Wasserstoff stand auch die Rolle von Biomethan im Fokus des Dialogs. In einem Praxisimpuls erläuterten Jan Müller, Geschäftsführer von Shell Germany Biogas, Dr. Marc Fiebrandt, Referent Strategie bei Thyssengas, und Sascha Tenholter, Teamleiter Biogas bei Thyssengas, wie der Energieträger bereits heute zur Emissionsminderung beitragen kann. Shell und Thyssengas arbeiten daran, Biomethan über bestehende Gasinfrastrukturen nutzbar zu machen und in das Netz einzuspeisen. Deutlich wurde: Biomethan kann die Resilienz der Energieversorgung stärken, weil es speicherbar, grundlastfähig einsetzbar, europäisch verankert und lokal verfügbar ist.

Hochlauf grüner Gase braucht Führung und Zusammenspiel

In der abschließenden Podiumsdiskussion erörterten Dr. Stefanie Kesting, Dr. Kirsten Westphal, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des BDEW, Dr. Gerhard Holtmeier, Vorsitzender der Geschäftsführung von DEW21, Stephan Pusch, Dr. Max Ellerich und Jan Müller, welche Voraussetzungen jetzt für eine erfolgreiche Transformation geschaffen werden müssen. Einigkeit bestand darin, dass der Umbau des Energiesystems nur gemeinsam gelingen kann. Die Rahmenbedingungen bleiben schwierig, Wirtschaftlichkeit ist eine zentrale Voraussetzung und die Transformationsaufgabe groß. Umso wichtiger sind Menschen und Unternehmen, die Verantwortung übernehmen und konkrete Schritte gehen. Dafür braucht es eine integrierte Sicht auf Strom- und Gasinfrastruktur und ein engeres Zusammenspiel von Industrie, Kommunen, Netzbetreibern und Politik. Nur so lassen sich Versorgungssicherheit, Klimaschutz, Resilienz und Wirtschaftlichkeit miteinander verbinden.

"Transformation gelingt nicht, wenn jeder auf perfekte Bedingungen wartet", resümierte Dr. Stefanie Kesting zum Abschluss. "Sie gelingt, wenn Akteure frühzeitig aufeinander zugehen, gemeinsame Interessen erkennen und sich gegenseitig Investitionssicherheit geben, um in die Umsetzung zu kommen. Genau dafür haben wir den Thyssengas Dialog seit 2022 als Plattform etabliert - als Auftakt für weitere Gespräche, neue Impulse und die gemeinsame Zusammenarbeit an konkreten Lösungen."

Die Aufzeichnung des Thyssengas Dialogs #05 ist auf www.thyssengasdialog.com abrufbar.

Über Thyssengas

Die Thyssengas GmbH ist ein deutscher Fernleitungsnetzbetreiber. Hauptsitz des Unternehmens, das im Jahr 2021 sein 100-jähriges Bestehen gefeiert hat, ist Dortmund. Thyssengas betreibt ein rund 4.400 Kilometer langes Gasnetz - zum Großteil in Nordrhein-Westfalen, einzelne Leitungen aber auch in Niedersachsen. Darüber werden sowohl nachgelagerte Verteilnetzbetreiber als auch Industriebetriebe und Kraftwerke versorgt. Für die klimaneutrale Zukunft setzt Thyssengas auf den gasförmigen Energieträger Wasserstoff. Der Dortmunder Netzbetreiber engagiert sich dazu in zahlreichen Initiativen. Gleichzeitig investiert er gezielt in die Umstellung seines Leitungssystems, um einen schnellen Wasserstoff-Hochlauf als Teil der Energiewende möglich zu machen. An acht Standorten im Netzgebiet beschäftigt das Unternehmen aktuell rund 550 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Tendenz steigend.

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Peter Alexewicz
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