Weltnichtrauchertag 2026: Deutschland verfehlt seine Rauchfrei-Ziele - Suchtforscher fordert bessere Regeln
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(ots) - Tabaksteuer, Nikotinbeutel und mögliches Aromenverbot bei der E-Zigarette: Politik müsse stärker zwischen Verbrennungszigarette und risikoärmeren Alternativen unterscheiden
Fünf Jahre ist es her, dass 52 Gesundheits- und zivilgesellschaftliche Organisationen die Bundesregierung zum Weltnichtrauchertag 2021 aufgefordert haben, deutlich entschlossener gegen den Tabakkonsum vorzugehen. Das Ziel war ambitioniert und richtig: Deutschland sollte entsprechend der europäischen Zielsetzung bis 2040 "rauchfrei" werden - mit weniger als fünf Prozent Raucher:innen in der Bevölkerung.
Fünf Jahre später fällt die Bilanz ernüchternd aus. Noch immer raucht je nach Studie rund ein Viertel bis ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung (25-32 Prozent). Bei den 14-17-Jährigen sind es knapp 10 Prozent Raucher:innen (!) Von einer Entwicklung, die Deutschland verlässlich in Richtung "rauchfrei 2040" führen würde, kann derzeit keine Rede sein. "Die Ziele waren 2021 schon überfällig. Aber sie wurden politisch nicht konsequent genug in wirksame Maßnahmen übersetzt", sagt Prof. Dr. Heino Stöver, Vorsitzender von akzept e.V. und ehemaliger Leiter des Instituts für Suchtforschung der Frankfurt University of Applied Sciences. "Wenn wir ehrlich sind, wird Deutschland das Ziel eines rauchfreien Landes mit den bisherigen Mitteln deutlich verfehlen."
Aus Sicht von Stöver zeigt sich der politische Handlungsbedarf besonders deutlich in drei aktuellen Debatten: der Diskussion um die Tabaksteuer, der wachsenden Verbreitung von Nikotinbeuteln beziehungsweise Nikotinpouches und der Forderung nach einem Aromenverbot bei E-Zigaretten. "Deutschland braucht keine Symbolpolitik, sondern eine Tabak- und Nikotinpolitik, die konsequent zwischen der Verbrennungszigarette und weniger schädlichen Alternativen unterscheidet. Wer Gesundheitsschutz ernst nimmt, muss die Zigarette am stärksten zurückdrängen, darf aber erwachsenen Raucher:innen den Umstieg auf risikoärmere Produkte nicht unnötig erschweren. Der Jugendschutz muss gewahrt werden, ist aber in den letzten Jahren zum Totschlagargument gegen jede Alternative zur Zigarette geworden, belastbare Evidenz dafür gibt es allerdings keine", so Stöver.
Besonders bei der Tabaksteuer müsse die Politik klarer machen, welches Ziel sie verfolgt. "Die Tabaksteuer darf nicht nur Einnahmeinstrument sein. Sie muss eine gesundheitspolitische Lenkungswirkung entfalten". Das bedeutet: Die schädlichste Form des Nikotinkonsums muss am unattraktivsten sein. Wer dagegen auf deutlich weniger schädliche Alternativen umsteigt, sollte nicht durch falsche steuerliche oder regulatorische Anreize ausgebremst werden. Es kann nicht sein, dass wir immer noch Zigaretten im Discounter für 6 Euro pro Packung verkaufen und Alternativen aus dem Markt drängen." Auch die Verbreitung von Nikotinpouches zeige, dass die bisherige Politik an der Realität vorbeigehe. Obwohl diese Produkte in Deutschland nicht legal verkehrsfähig sind, sind sie vielerorts erhältlich, etwa über Onlinehandel, Kioske oder Käufe im Ausland. "Eine Nachfrage verschwindet nicht, nur weil der Staat keine Regeln schafft", so Stöver. "Wer Nikotinbeutel dem Schwarzmarkt überlässt, verzichtet auf Kontrolle, Qualitätsstandards und den Jugendschutz." Mit dem Finger in Richtung EU zu zeigen und zu warten bis sich dort etwas tue greift aus Sicht des Suchtforschers zu kurz.
Der Ansatz der Tobacco Harm Reduction, also der Schadensminimierung, werde in Deutschland noch immer zu oft missverstanden. Dabei gehe es nicht darum, Nikotinkonsum zu verharmlosen. Es gehe darum, gesundheitliche Risiken für jene Menschen zu senken, die den vollständigen Rauchstopp trotz wiederholter Versuche nicht schaffen.
"Natürlich bleibt der komplette Ausstieg aus Nikotin das beste Ziel. Aber für viele erwachsene Raucher:innen ist der realistische erste Schritt nicht sofortige Abstinenz, sondern der Ausstieg aus der Zigarette. Wer diesen Zwischenschritt politisch blockiert, lässt Menschen bei der schädlichsten Konsumform zurück."
Zum Weltnichtrauchertag fordert Stöver deshalb eine Neuausrichtung der Tabak- und Nikotinpolitik. "Deutschland hat vor fünf Jahren ambitionierte Ziele formuliert. Jetzt muss die Politik zeigen, dass sie bereit ist, aus der bisherigen Stagnation Konsequenzen zu ziehen. Wer ein rauchfreies Deutschland 2040 ernst meint, muss die Zigarette entschlossener zurückdrängen und zugleich regulierte, weniger schädliche Alternativen für erwachsene Raucher:innen ermöglichen."
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Prof. Dr. Heino Stöver
Telefon: +49 162 133 45 33
heino.stoever@fra-uas.de
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Datum: 27.05.2026 - 10:22 Uhr
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