Kinder in der Ukraine wenden sich an Staats- und Regierungschef*innen: Wir möchten, dass ihr uns zuhört
ID: 2258607

(ots) -
- Kinder fordern Mitsprache bei Wiederaufbaumaßnahmen ein
- Programme zur psychologischen Betreuung unverzichtbar
- Gleiche Chancen für alle: Wiederaufbau soll ausnahmslos jedem Kind zugutekommen
Vor der internationalen Ukraine-Wiederaufbaukonferenz in Danzig fordern Kinder und Jugendliche in der Ukraine, dass ihre Rechte und Interessen in den Mittelpunkt gestellt werden. In einem offenen Brief appellieren die 16 Mitglieder der Kinderberatungsgruppe von Save the Children an die teilnehmenden Staats- und Regierungschef*innen, ihrem Recht auf Bildung, Wohnraum und Gesundheitsversorgung bei den Maßnahmen Vorrang einzuräumen.
"Wir haben bei Kerzenschein gelernt. Wir saßen in Luftschutzbunkern statt in Klassenzimmern. Einige von uns legten Prüfungen direkt nach einer Nacht ab, die von Luftalarm unterbrochen wurde", schreiben die Kinder. Sie fordern einen zuverlässigen Internetzugang und die nötige Ausstattung, um sich auf Prüfungen vorbereiten können. Zudem drängen sie auf angemessenen Wohnraum für Kinder und Jugendliche, die ihr Zuhause verloren haben, sowie auf den Ausbau psychologischer und psychosozialer Unterstützung. Die 18-jährige Dasha sagt: "Krieg hinterlässt Narben, die nicht immer sichtbar sind. Viele von uns brauchen psychologische Unterstützung, um das Erlebte zu verarbeiten und weiterzumachen." Die Kinder fordern echte Mitsprache in Form eines Jugendrates sowie Garantien dafür, dass der Wiederaufbau ausnahmslos jedem Kind zugutekommt.
Vier Jahre nach der Eskalation des Krieges erleben Kinder in der Ukraine eine sich verschärfende humanitäre Krise. Seit Februar 2022 wurden mindestens 3.500 Kinder getötet oder verletzt, und viele weitere sind Traumata, Verlust und Unsicherheit ausgesetzt. In den mehr als 1.500 Kriegstagen wurden 3,9 Millionen Menschen innerhalb des Landes vertrieben (https://ots.de/mezOGk), darunter etwa 860.000 Kinder. Etwa 5,8 Millionen Menschen (https://data.unhcr.org/en/situations/ukraine) flohen ins Ausland.
"Der Krieg hat ihnen die Kindheit geraubt und ihr Leben für immer verändert. Jetzt ist es entscheidend, endlich die Bedürfnisse und Perspektiven der Kinder in der Ukraine in den Mittelpunkt zu stellen. Kinder haben ein Recht darauf, den Wiederaufbau ihres Landes mitzugestalten", sagt Florian Westphal, Geschäftsführer von Save the Children Deutschland, der zuletzt im Februar 2026 die Ukraine besuchte.
Save the Children fordert eine ausreichende Finanzierung der humanitären Hilfe in der Ukraine sowie ein sofortiges Ende der Angriffe auf Zivilist*innen und zivile Infrastruktur, darunter Wohnhäuser, Schulen und Krankenhäuser.
Save the Children ist seit 2014 in der Ukraine tätig. Seit Beginn des landesweiten Kriegeshat die Kinderrechtsorganisation ihre Unterstützung für Kinder und Familien deutlich ausgeweitet und mehr als 4,7 Millionen Menschen erreicht, darunter mehr als 1,9 Millionen Kinder.
Hinweise an die Redaktion:
Der Brief in voller Länge:
Liebe Staats- und Regierungschefs der Welt,
ein Land kann nicht verlieren, wenn seine Kinder an es glauben. Und wir glauben daran. Wir sind die Kinder und Jugendlichen der Ukraine. Und wir haben bereits drei verschiedene Lebensabschnitte durchlebt. Wir erinnern uns an den Frieden. Wir leben im Krieg. Und wir denken bereits über den Wiederaufbau nach. Denn wir sind es, die hier leben werden. Wir werden hier träumen. Wir werden hier die Zukunft gestalten. Und wir möchten, dass ihr uns zuhört.
Wir möchten euch einen Einblick in unseren Alltag geben. Wir haben bei Kerzenschein gelernt. Wir saßen in Luftschutzbunkern statt in Klassenzimmern. Einige von uns haben Prüfungen direkt nach einer Nacht abgelegt, die von Luftschutzsirenen unterbrochen wurde. Manche sind aus ihrer Heimat geflohen und wissen noch immer nicht, ob sie jemals zurückkehren werden. Einige von uns haben Behinderungen, und für sie war jeder einzelne Tag doppelt so schwer. Manchmal ist es sehr schwer, die Kraft zu finden, weiterzumachen. Manchmal wünscht man sich einfach, dass jemand neben einem steht und sagt: "Alles wird gut." Aber wir hören nicht auf. Wir machen weiter. Denn wir geben nicht auf.
Wir wissen, dass ihr Erwachsenen gerade darüber entscheidet, wie unser Land in Zukunft aussehen wird. Aber wenn diese Entscheidungen ohne uns getroffen werden, werden viele von uns einfach weggehen. Nicht, weil wir die Ukraine nicht lieben. Sondern weil wir nicht das Gefühl haben werden, dass dieses Land auch unser Land ist. Und dann wird niemand mehr da sein, um eine neue Gesellschaft aufzubauen. Diejenigen, die gegen uns kämpfen, glauben, sie würden gewinnen. Aber sie haben bereits verloren. Denn wir sind hier. Wir schreiben diesen Brief. Und wir geben nicht auf.
Deshalb fordern wir konkrete Maßnahmen. Richten Sie einen Jugendrat für den Wiederaufbau ein, damit unsere Stimme wirklich Gehör findet. Stellen Sie uns zuverlässiges Internet und Lernmaterialien zur Verfügung, denn die Prüfungen wurden zwar nicht abgesagt, aber Online-Unterricht ist nahezu unmöglich. Fördern Sie Stipendien für ein Studium im Ausland. Starten Sie Programme zur psychologischen Betreuung von Jugendlichen - sie sind für unser Wohlbefinden unverzichtbar. Helft denen, die ihr Zuhause verloren haben; Wohnprogramme für Jugendliche und Binnengeflüchtete sind von großer Bedeutung. Und stellt sicher, dass der Wiederaufbau ausnahmslos jedem Kind zugutekommt. Macht Notunterkünfte für Kinder mit Behinderungen zugänglich. Macht Schulen für alle zugänglich. Stellt sicher, dass jedes Kind - unabhängig davon, ob es eine Behinderung hat, sein Zuhause verlassen hat oder geblieben ist - gleiche Chancen hat. Denn Wiederaufbau ohne Inklusion ist kein echter Wiederaufbau. Und unterstützt unsere Kultur und Kreativität, denn ein geeintes Land beginnt mit einer geeinten Jugend.
Ein Land kann nicht verlieren, wenn seine Kinder an es glauben. Wir glauben daran. Von ganzem Herzen. Nehmt uns mit, und gemeinsam werden wir es schaffen.
Mit Liebe und Hoffnung,
die Kinder und Jugendlichen in der Ukraine
Über Save the Children
Im Nachkriegsjahr 1919 gründete die britische Sozialreformerin und Kinderrechtlerin Eglantyne Jebb Save the Children, um Kinder in Deutschland und Österreich vor dem Hungertod zu retten. Heute ist die inzwischen größte unabhängige Kinderrechtsorganisation der Welt in rund 100 Ländern tätig. Save the Children setzt sich ein für Kinder in Kriegen, Konflikten und Katastrophen. Für eine Welt, die die Rechte der Kinder achtet, in der alle Kinder gesund und sicher leben sowie frei und selbstbestimmt aufwachsen und lernen können - seit über 100 Jahren.
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Datum: 25.06.2026 - 06:00 Uhr
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