Pleitewelle in Deutschland: Insolvenzen schießen durch die Decke – was das jetzt bedeutet

Pleitewelle in Deutschland: Insolvenzen schießen durch die Decke – was das jetzt bedeutet

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(ots) - Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland steigt spürbar an. Besonders Mittelstand, Handel, Bau und Dienstleister geraten unter Druck. Hohe Kosten, schwache Nachfrage und ausgelaufene staatliche Hilfen aus der Pandemiezeit wirken jetzt zeitverzögert.

Insolvenzen kommen nicht plötzlich – sie sind das Ergebnis von monatelangem, ja oft jahrelangem wirtschaftlichem Druck, der zu lange unterschätzt wurde. Hier erfahren Sie, warum die Pleitewelle jetzt Fahrt aufnimmt, welche Branchen besonders gefährdet sind und was Unternehmen, Beschäftigte und Gläubiger aus der aktuellen Entwicklung ableiten sollten.

Rekordzahlen nach Jahren der Stützung

Die amtlichen Daten sprechen eine klare Sprache. Mit rund 23.900 Unternehmensinsolvenzen erreichte das Jahr 2025 den höchsten Stand seit 2005. Bereits von Januar bis November wurden 22.027 Anträge registriert – ein Plus von rund zehn Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im Dezember lagen die Regelinsolvenzen sogar 15,2 Prozent über dem Wert des Vorjahresmonats.

Auch die wirtschaftlichen Folgen sind erheblich. Die geschätzte Schadenssumme belief sich 2025 auf etwa 57 Milliarden Euro. Rund 285.000 Arbeitnehmer waren von Unternehmensinsolvenzen betroffen. Für das erste Quartal 2026 erwarten Wirtschaftsforscher weiterhin sehr hohe Fallzahlen. Von einer schnellen Entspannung kann daher keine Rede sein.

Der „perfekte Sturm“ nach Corona

Die aktuelle Entwicklung ist das Ergebnis mehrerer, ineinandergreifender Belastungen. Während der Pandemie hatten staatliche Hilfen, ausgesetzte Insolvenzantragspflichten und umfangreiche Kreditprogramme viele Betriebe stabilisiert. Dadurch blieb die befürchtete Insolvenzwelle zunächst aus.

Mit dem Auslaufen dieser Sonderregelungen verschoben sich die Risiken jedoch in die Gegenwart. KfW-Kredite müssen zurückgezahlt werden, gleichzeitig bleiben Umsätze in zahlreichen Branchen hinter dem Vorkrisenniveau zurück. Hinzu kommen gestiegene Energiepreise, höhere Personalkosten sowie eine insgesamt zurückhaltende Konsumnachfrage.



Zusätzlich erschweren internationale Handelskonflikte und zunehmende regulatorische Anforderungen die Planung. Unternehmen sehen sich damit einer doppelten Belastung ausgesetzt: steigende Fixkosten auf der einen und unsichere Erlösen auf der anderen Seite. Was über Jahre hinweg abgefedert wurde, wirkt nun mit Verzögerung.

Besonders betroffene Branchen und wachsende Risiken

Die Insolvenzhäufigkeit ist derzeit im Bereich Verkehr und Lagerei, im Gastgewerbe sowie im Baugewerbe besonders hoch. Gleichzeitig verzeichnen das verarbeitende Gewerbe und der Handel zweistellige Zuwächse bei den Fallzahlen.

Bemerkenswert ist zudem ein struktureller Wandel. Seit 2019 ist die Insolvenzwahrscheinlichkeit überproportional im Gesundheits- und Sozialwesen, im Grundstücks- und Wohnungswesen sowie in der IT- und Kommunikationsbranche gestiegen. Bereiche, die lange als vergleichsweise stabil galten, geraten damit zunehmend unter Druck.

Die Folgen bleiben selten auf einzelne Betriebe begrenzt. Gerät ein Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten, betrifft das regelmäßig auch Lieferanten, Dienstleister und Finanzierungspartner. Offene Forderungen können weitere Betriebe in Schwierigkeiten bringen. Je länger notwendige Entscheidungen hinausgezögert werden, desto größer wird das Risiko eines Dominoeffekts entlang der Lieferkette.

Sanierungsinstrumente im Überblick

Neben der klassischen Regelinsolvenz existieren inzwischen Instrumente, die auf Sanierung und Fortführung ausgerichtet sind. Seit der Reform durch das ESUG im Jahr 2012 können Unternehmen im Rahmen der Eigenverwaltung unter Aufsicht eines Sachwalters handlungsfähig bleiben. Zudem steht seit 2021 mit dem StaRUG ein vorinsolvenzliches Restrukturierungsverfahren zur Verfügung, das nicht öffentlich geführt wird und sich gezielt auf ausgewählte Gläubiger konzentriert.

Diese Verfahren verfolgen ein gemeinsames Ziel: Unternehmen sollen möglichst frühzeitig reagieren, bevor Zahlungsunfähigkeit eintritt. Dadurch lassen sich Strukturen anpassen, Verbindlichkeiten neu ordnen und wirtschaftliche Perspektiven erhalten.

Auswirkungen auf Beschäftigte und Gläubiger

Wird hingegen zu lange gewartet, verengt sich der Handlungsspielraum erheblich. In solchen Fällen rücken häufig Zerschlagung oder Verkauf in den Vordergrund. Für Beschäftigte bedeutet die aktuelle Lage vor allem Unsicherheit. Zwar greifen Instrumente wie das Insolvenzgeld, dennoch gehen Restrukturierungen oft mit Stellenabbau einher. Auch Gläubiger müssen sich auf erhöhte Ausfallrisiken einstellen und ihre Engagements sorgfältig prüfen.

Die derzeitige Pleitewelle ist damit kein isoliertes Ereignis, sondern Ausdruck aufgestauter struktureller Probleme. Sie zwingt Unternehmen, Geschäftsmodelle, Kostenstrukturen und Finanzierungsstrategien kritisch zu hinterfragen. Gleichzeitig zeigt sie, wie entscheidend Transparenz, realistische Planung und rechtzeitiges Handeln sind. Ob sich die Situation im weiteren Jahresverlauf stabilisiert, hängt von wirtschaftlicher Dynamik, politischem Rahmen und der Investitionsbereitschaft ab. Klar ist jedoch schon jetzt: Wirtschaftliche Resilienz entsteht nicht im Krisenmoment, sondern durch vorausschauende Entscheidungen.

Über Ulrich Kammerer

Ulrich Kammerer ist Gründer und Vorstand der UKMC eG sowie Initiator der Ulrich Kammerer Akademie. Seit über einem Jahrzehnt begleitet er Unternehmen in Eigenverwaltungs-, Schutzschirm- und StaRUG-Verfahren und hat mehr als 350 Restrukturierungen betreut. Zuvor führte er sein eigenes IT-Unternehmen mit rund 700 Mitarbeitern erfolgreich durch ein Schutzschirmverfahren. Weitere Informationen unter: https://www.ukmc.de/ und https://www.ulrichkammerer.de/akademie

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