Freiburger PFAS-Studie: Wer nur die Moleküle betrachtet, verkennt das große Ganze

Freiburger PFAS-Studie: Wer nur die Moleküle betrachtet, verkennt das große Ganze

ID: 2267313

(ots) - Pharma Deutschland kritisiert die UBA-Studie zur Ersetzbarkeit von PFAS-Wirkstoffen, weil sie die regulatorischen Pflichten und die operativen Realitäten ausblendet

Pharma Deutschland kritisiert die Schlussfolgerung der im Sommer vorgestellten Freiburger PFAS-Studie ("Per- and polyfluorinated active pharmaceutical ingredients: Overview and alternatives, Sustainable Chemistry and Pharmacy", DOI: 10.1016/j.scp.2026.102416) als verkürzt und irreführend. Die im Auftrag des Umweltbundesamts (UBA) erstellte Studie von M. Müller et al. kommt zu dem Ergebnis, dass für 87 Prozent der untersuchten humanmedizinischen PFAS-Wirkstoffe bereits PFAS-freie Alternativen existierten. Damit blendet die Studie allerdings genau jene regulatorischen, operativen und unternehmerischen Herausforderungen aus, die für eine Substitution in der Praxis entscheidend sind.

Dazu Dr. Elmar Kroth, stellvertretender Hauptgeschäftsführer von Pharma Deutschland: "Eine Studie, die zeigen will, ob PFAS in Arzneimitteln ersetzbar sind, darf nicht bei der Molekülstruktur und der reinen Pharmakologie stehenbleiben. Sie würde zu völlig anderen Ergebnissen kommen, wenn sie sich auch mit der Praxis und den zugehörigen Akteuren beschäftigt hätte. Weil die Studie die Hersteller, Zulassungsbehörden, Ärzteschaft und Lieferketten nicht in den Blick nimmt, entsteht der Eindruck, einer breiten Substitution stünden keine handfesten praktischen, regulatorischen und juristischen Hürden im Weg, sondern lediglich ein fehlender Umsetzungswille der Unternehmen. Dieser Eindruck ist komplett falsch. Nicht die Bereitschaft der Pharmaunternehmen, sondern Arzneimittelrecht, Pharmakovigilanz, Produktionsrealität und Versorgungssicherheit bestimmen, ob, wann und zu welchem Preis ein Wirkstoff überhaupt ausgetauscht werden kann."

Die 5 zentralen Kritikpunkte der Pharmabranche an der Freiburger Studie:

1. Chemische Verfügbarkeit ist nicht gleich praktische Austauschbarkeit



Die Studie definiert eine "Alternative" allein als PFAS-freien Wirkstoff derselben chemisch-pharmakologischen Gruppe - ohne Evidenzlage, Zulassungsstatus in Deutschland, Indikation, Dosierung oder Erstattung zu bewerten. Ein Molekül, das nur in anderen Ländern oder für andere Indikationen zugelassen ist, ist damit keine gleichwertige Therapieoption. Die Autorinnen und Autoren räumen selbst ein, dass sie die praktische Einsetzbarkeit nicht untersucht haben.

2. Der Austausch eines Wirkstoffs ist rechtlich keine Formsache

Ein Wirkstoffwechsel erfordert in der Regel eine vollständige Neuzulassung. Reale Verfahren dauern lange: Das dezentralisierte Zulassungsverfahren beim BfArM nahm 2024 im Schnitt 746 Tage in Anspruch; die Entwicklung eines völlig neuen Wirkstoffs - wie für die neun von der Studie selbst eingeräumten Ausnahmefälle nötig - dauert 12 bis 13,5 Jahre. Solche Fristen ergeben sich aus dem Arzneimittelrecht, nicht aus mangelndem Willen der Hersteller.

3. Patientensicherheit und Langzeitdaten werden nicht gewürdigt

Jeder Wirkstoffwechsel ist eine medizinische Nutzen-Risiko-Abwägung im Einzelfall. Neu zugelassene Alternativen stützen sich auf eine deutlich schmalere Sicherheits- und Langzeitdatenbasis; die verpflichtenden Pharmakovigilanz-Instrumente belegen, dass Wissenslücken erst über Jahre geschlossen werden. Dass ein Wechsel innerhalb einer Substanzklasse Risiken nicht automatisch löst, zeigt die Geschichte der COX-2-Hemmer - ausgerechnet ein solcher Klassenwechsel dient der Studie als Positivbeispiel.

4. Versorgungssicherheit und Produktionsrealität bleiben ausgeblendet

Die Studie abstrahiert vollständig von Produktionskapazitäten und Lieferketten - und trifft auf ein bereits fragiles System: Anfang 2026 registrierte das BfArM mit 546 gleichzeitig aktiven Lieferengpässen einen Rekordwert, bei einer Importabhängigkeit von rund 68 Prozent aus Asien. Für manche Darreichungsformen wie z.B. Dosieraerosole gibt es im Akutfall keine Alternative; die Umstellung neuer Treibmittel dauert 6 bis 10 Jahre pro Produkt. Ein forcierter Substitutionsdruck erhöht das Engpassrisiko, ohne den globalen PFAS-Eintrag zu senken.

5. Falsche Diagnose statt Systemperspektive - und ein einseitiger Blick auf die Alternativen

Indem die Studie die Akteure ausblendet, verschiebt sie die Ursache: Sie legt einen "Umsetzungs-Unwillen" der Unternehmen nahe, wo tatsächlich regulatorische, klinische und ökonomische Hürden wirken. Zugleich bleibt offen, ob die vorgeschlagenen Alternativen ökologisch überhaupt besser sind - Umweltdaten zu ihnen sind oft unvollständig.

Pharma Deutschland fordert daher ein integriertes Bewertungsmodell, das Umweltwirkungen, Patientensicherheit und Versorgungssicherheit gleichrangig zusammenführt, sowie realistische Übergangsfristen. Die Branche ist bereit, gemeinsam mit den anderen Stakeholdern, wie bspw. UBA, BfArM, EMA und der Ärzteschaft, gemeinsame Lösungen in einem strukturierten Dialog zu diskutieren und zu erarbeiten.

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Der Pharma Deutschland e.V. ist der mitgliederstärkste Branchenverband der Pharmaindustrie in Deutschland. Er vertritt die Interessen von rund 400 Mitgliedsunternehmen, die in Deutschland ca. 80.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen. Die in Pharma Deutschland e.V. organisierten Unternehmen tragen maßgeblich dazu bei, die Arzneimittelversorgung in Deutschland zu sichern. So stellen sie fast 80 Prozent der in Apotheken verkauften rezeptfreien und fast zwei Drittel der rezeptpflichtigen Arzneimittel sowie einen Großteil der stofflichen und dentalen Medizinprodukte für die Patientinnen und Patienten bereit. Unter www.pharmadeutschland.de gibt es mehr Informationen zu Pharma Deutschland.

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