Chaostage bei der Bahn
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Wenn Heizer mit dem Feuer spielen leiden die Kunden und der Standort Deutschland
Bonn/Berlin - Pfiffige kleine Jungs wollen nicht mehr Lokführer, sondern Bahn-Vorstand werden. Das ist nämlich deutlich lukrativer. Nach Medienberichten explodierten die Bezüge für die acht Vorstandsmitglieder der Deutschen Bahn (DB) http://www.bahn.de: In den Jahren 1999 bis 2005 stiegen sie laut Geschäftsbericht von 3,679 Millionen Euro auf 14,693 Millionen Euro (9,494 Millionen Euro Fixgehalt plus 5,199 Millionen Euro variabler Anteil). Das sind satte 400 Prozent, rechnete die Bild-Zeitung http://www.bild.de vor. Die Kunden müssen nicht nur über ständig steigende Fahrkartenpreise für die üppigen Gehälter des DB-Vorstandsvorsitzenden Hartmut Mehdorn und seiner Companeros tief in die Tasche greifen. Insbesondere Pendler wissen von Verspätungen ein Lied zu singen. Wer zum Beispiel als Berufspendler täglich zwischen Bonn und Köln hin und her fährt, muss morgens schon früh aufstehen, sonst bestraft ihn die Deutsche Bahn, weil mal wieder irgendwo ein Triebwerk- oder Personenschaden aufgetreten ist.
Haben denn auch die Mitarbeiter der Bahn was von dem üppigen Geldsegen, für den Millionen von Kunden aufkommen? Die Lokführer-Gewerkschaft GDL http://www.gdl.de. bestreitet dies vehement. In einem Papier mit dem drögen Titel „Der Fahrpersonaltarifvertrag: Zahlen, Fakten, Hintergründe“ listet die Interessenvertretung auf, wie viel der „Kapitän“ eines ICE oder eines anderen Zuges im Schnitt verdient. Im Vergleich zu ihren westeuropäischen Kollegen hätten die deutschen Lokomotivführer das geringste Einkommen, lautet ihre Argumentation. An zwei Beispielen macht die GDL das Ganze plastisch: Ein 25 Jahre alter kinderloser Lokführer mit zwei Jahren Berufserfahrung verdient im Monat 1.288 Euro netto. Mit durchschnittlichen Zulagen von 150 bis 300 Euro kommt er dann auf 1.438 bis 1.588 Euro netto. Mit Zulagen verdient der vergleichbare Kollege aus der Schweiz 2.907 bis 3.157, der Spanier 2.650, Niederländer bekommen 1.820, Franzosen 2.770 und italienische Lokführer 1.850 Euro.
Beispiel zwei geht davon aus, dass ein Lokführer 40 Jahre alt ist, zwei Kinder und 17 Jahre Berufserfahrung hat. Dann bekommt er im Durchschnitt 1.628 Euro netto. Mit Zulagen von 150 bis 300 Euro kommt er auf 1.778 bis 1.928 Euro. Mit Zulagen verdient man in der Schweiz im ähnlich gelagerten Fall 4.705 bis 4.985, in Spanien 3.140, den Niederlanden 2.425, Frankreich 2.770 und in Italien 2.300 Euro. Selbstverständlich haken solche Vergleich immer ein wenig. So verdienen die Schweizer in der Regel wesentlich mehr als die Deutschen, haben dafür aber auch oft drastisch höhere Lebenshaltungskosten.
Die GDL forderte ursprünglich einen Einstiegslohn für Lokführer von 2.500 Euro brutto. Mitarbeiter der Bordgastronomie sollten 1.820, Zugbegleiter 2.180 Euro erhalten. Ist das zu viel, ist das zu wenig? Aus dem Bauch heraus wird wahrscheinlich jeder sagen, dass man als Familienvater mit 2.000 Euro netto und rund 17-jähriger Berufserfahrung keine großen Sprünge machen kann. Dazu kommen die Verantwortung für Hunderte von Fahrgästen und familienunfreundliche Arbeitszeiten. Zur Realität gehört aber auch, dass heute selbst ein Akademiker nach mehrjährigem Studium – das de facto einem Verdienstausfall gleichkommt – und etlichen unbezahlten Praktika mit 2.000 brutto im Monat abgespeist wird. Und wer bei einem so niedrigen Gehalt einsteigt, wird zunächst einmal auf keine großen Steigerungsraten hoffen dürfen. Es können ja nicht alle Ingenieurwissenschaften studieren und gleich am Anfang der Berufskarriere rund 40.000 oder 50.000 Euro brutto verdienen.
Ob sich die GDL mit der Androhung eines flächendeckenden Streiks und utopisch anmutenden Lohnforderungen von 31 Prozent allerdings einen Gefallen getan hat, bleibt abzuwarten. Es war auch völlig abwegig, Lokführer mit Piloten zu vergleichen. Ein Lufthansa-Pilot verdient nicht ohne Grund laut Tarif 112.000 Euro: Ko-Piloten bekommen immerhin noch 54.000 Euro. „Piloten müssen über zahlreiche Begabungen verfügen: Notfallvarianten beherrschen, sich im Raum orientieren können, mit der linken Hand etwas anderes tun als gleichzeitig mit der rechten, und dabei mituntern auch noch kopfrechnen – es handelt sich bei ihnen um mehrfach belastbare Menschen, wie es sie es in der Kombination nicht allzu häufig gibt“, schreibt Detlef Esslinger in der Süddeutschen Zeitung http://www.sueddeutsche.de. Selbst der Lobbyist Manfred Schell dürfte seine Lokführer nicht dazu rechnen.
Ein wochenlanger Streik wäre eine Katastrophe – für die Bahn, für die Kunden, für die gerade anspringende Konjunktur. Täglich fahren rund fünf Millionen Menschen mit der Bahn, weil sie es für schneller, bequemer und ökologisch vernünftiger halten. Jetzt raten ihnen selbst Pro-Bahn-Aktivisten zähneknirschend, in der nächsten Zeit besser auf das Auto umzusteigen. Wenn GDL-Chef Schell damit droht, den ganzen Zugverkehr in Deutschland lahm legen zu wollen, so spielt der gelernte Heizer mit dem Feuer. Das Vertrauen der Kunden schmilzt bei einem anbrechenden Verkehrschaos und täglichen Verspätungen und Zugausfällen wie das Eis in der Sonne – vom wirtschaftlichen Schaden für ganz Deutschland einmal abgesehen.
Hilft das viel gescholtene Beamtentum der Bahn nun aus der Bredouille? Mehdorn will bekanntlich mit 8.000 verbeamteten Lokführern die Löcher stopfen, wenn die 12.000 bei der GDL organisierten Lokführer streiken. All das sieht doch eher wie eine schlechte Notlösung aus. Wer in der Öffentlichkeit so hemdsärmelig auftritt wie Hartmut Mehdorn und bei den eigenen Managerbezügen augenscheinlich jeglichen Realitätssinn verloren hat, der darf sich in der Krise nicht wundern, wenn er bei einem Teil seiner Mitarbeiter kein Gehör findet. Deutschlands Managerkaste hat bei den eigenen Ansprüchen den Sinn für das Maß verloren. Können Mehdorn und Co. da glaubwürdig an den Sinn für das rechte Maß bei den Arbeitnehmern appellieren?
Doch auch sein Widerpart Schell scheint dem Luxus zumindest privat nicht ganz abgeneigt zu sein. Laut Bild-Zeitung fuhr er früher Ferrari. Mit seinem letzten heizte der frühere Heizer im August 2005 auf regennasser Fahrbahn in eine Leitplanke – Totalschaden. Die Kunden der Bahn sowie alle, die ein Interesse am wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands haben, werden sicher ihre Zweifel haben, ob die Herren Mehdorn und Schell die bestmöglichen Verhandlungspartner waren. Der Schaden eines wochenlangen Streiks bei der Bahn dürfte den Preis für einen kaputten Sportflitzer um ein Vielfaches übersteigen.
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Datum: 07.08.2007 - 11:22 Uhr
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