Börsen-Zeitung: Fragen an Francioni, Börsenkommentar "Marktplatz" von Dieter Kuckelkorn

Börsen-Zeitung: Fragen an Francioni, Börsenkommentar "Marktplatz" von Dieter Kuckelkorn

ID: 347194
(ots) - Bislang halten sich die Reaktionen am
Finanzplatz auf die angestrebte Fusion von Deutscher Börse und Nyse
Euronext in engen Grenzen. Dafür gibt es einen guten Grund: Es sind
bislang noch kaum Details bekannt gegeben worden. Dies betrifft nicht
nur externe Beobachter. Auch der Aufsichtsrat der Deutschen Börse
tappt im Dunkeln. Er war vollkommen überrascht worden, als der Deal
am Donnerstag vorzeitig bekannt gegeben wurde.

Für die Geheimniskrämerei gibt es sicher ein plausibles Argument:
Am Donnerstag standen nur wenige Grundzüge des Deals fest. Für das
Agieren im Verborgenen mag es aber noch ein weiteres Motiv geben:
Offenbar haben Börsenchef Reto Francioni und sein New Yorker Pendant
Duncan Niederauer vor, die Öffentlichkeit und die zuständigen Gremien
vor vollendete Tatsachen zu stellen. Ein solches Fait accompli würde
die Möglichkeit ausschließen, dass sich Widerstand formiert und die
ganze Angelegenheit in der Folge schlicht zerredet wird.

Eine solche Taktik scheint sogar gegenüber dem Aufsichtsrat
gefahren zu werden. Dabei ist dieser das Gremium, das die
Entscheidungsgewalt hat. Der Aufsichtsrat soll erst am Dienstag
informiert werden und dann gleich dem Deal zustimmen, der kurz danach
der staunenden Öffentlichkeit in einer Pressekonferenz am späten
Nachmittag präsentiert wird.

Diese Vorgehensweise ist äußerst bedenklich. Die
Aufsichtsratsmitglieder dürften kaum in der Lage sein, sich binnen
weniger Stunden über alle Konsequenzen einer solch weitreichenden
Transaktion ein Urteil zu bilden. Insofern sind Aufsichtsrat, aber
auch Börsenaufsicht und die Öffentlichkeit gut beraten, Reto
Francioni viele Fragen zu stellen, detaillierte Antworten zu
verlangen und eine vorschnelle Zustimmung zu vermeiden. Und was die
Antworten betrifft, so gilt es klar zu unterscheiden, was reine


Absichtserklärungen sind und was in den Verträgen rechtlich bindend
verankert wird.

Ein abschreckendes Beispiel ist die Übernahme von Euronext durch
die New York Stock Exchange (Nyse) 2006. Auch bei diesem Deal war von
zwei Zentren des neuen Börsengiganten die Rede, nämlich New York und
Paris. Und es gab dieselbe Führungsstruktur: Der CEO - kein anderer
als Niederauer - kam von der Nyse, der Chairman Jean-François
Théodore vom europäischen Partner. Nach relativ kurzer Zeit war
Théodore abgetreten, der Konzern wird allein von New York aus
geführt, und der Finanzplatz Paris hat seine Bedeutung weitestgehend
eingebüßt.

Nachzuforschen ist also, welche Garantien es gibt, dass der
Deutschen Börse und Frankfurt nicht dasselbe Schicksal droht. Wird
die für den Konzern so wichtige Terminbörsensparte dauerhaft von
Frankfurt aus geleitet? Ist irgendwo festgelegt, dass der Chief
Financial Officer auch in ein paar Jahren noch in Frankfurt (oder
genauer gesagt in Eschborn) residieren wird? Für welche der
Aktivitäten des Konzerns am Finanzplatz Frankfurt wird es Garantien
geben und für welche nicht? Und wie genau sehen die Garantien aus?
Was ist mit der Besetzung der Gremien und der Schlüsselpositionen?
Wird es dort in ein paar Jahren noch Europäer geben?

Diese Fragen sind nicht nur aus Sicht des Finanzplatzes von
Interesse. Aufsichtsräte als Vertreter der Aktionäre sollten
ebenfalls ein Auge darauf werfen, schließlich gibt es genug Beispiele
von Missmanagement europäischer Tochterunternehmen durch
Europa-unerfahrene Manager amerikanischer Muttergesellschaften.

Zu hinterfragen sind auch die in Aussicht gestellten Synergien von
nicht weniger als 300 Mill. Euro. Diese dürften zweifellos durch
Stellenabbau und die Zusammenlegung von Kapazitäten realisiert
werden. Wo sollen die Streichungen stattfinden? Da Börsen
mittlerweile in erster Linie IT-Unternehmen sind, dürften
Einsparungen in diesem Bereich im Mittelpunkt stehen. Zu diesem Punkt
ist die Information interessant, dass Nyse Euronext große Summen in
ein Datenverarbeitungszentrum in der Nähe von London investiert hat
und praktisch die gesamten zunächst in Paris beheimateten
IT-Aktivitäten dorthin verlagert hat. Liegt nicht die Vermutung nahe,
dass den Frankfurter IT-Bereichen dasselbe Schicksal droht?

Über eines sollten sich alle Beteiligten im Klaren sein: Die
US-Manager von Nyse Euronext fühlen sich dem Finanzplatz Frankfurt in
keiner Weise verbunden. Aber auch Reto Francioni scheint in Frankfurt
emotional nicht allzu tief verwurzelt zu sein, wie der Umzug der
Deutschen Börse nach Eschborn dokumentiert hat.

(Börsen-Zeitung, 12.2.2011)



Pressekontakt:
Börsen-Zeitung
Redaktion

Telefon: 069--2732-0
www.boersen-zeitung.de

Themen in dieser Pressemitteilung:


Unternehmensinformation / Kurzprofil:
Bereitgestellt von Benutzer: ots
Datum: 11.02.2011 - 20:55 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 347194
Anzahl Zeichen: 5149

Kontakt-Informationen:
Stadt:

Frankfurt



Kategorie:

Wirtschaft (allg.)



Diese Pressemitteilung wurde bisher 584 mal aufgerufen.


Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Börsen-Zeitung: Fragen an Francioni, Börsenkommentar "Marktplatz" von Dieter Kuckelkorn"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von

Börsen-Zeitung (Nachricht senden)

Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).

Börsen-Zeitung: Farbenpracht am Bondmarkt, Marktkommentar von Kai Johannsen ...
Die internationale Anleihefamilie ist vor wenigen Tagen um ein neues Mitglied erweitert worden. Nach den Green Bonds gibt es nun einen weiteren Bond mit Farbanstrich: Blue Bonds. Die Pionierrolle übernahm die Inselrepublik Seychellen, die einen zehnjährigen Bond zu einer Rendite von 6,5 Pro

Börsen-Zeitung: Die Hoffnung stirbt zuletzt, Kommentar zum Brexit von Andreas Hippin ...
Die britische Regierung hat derzeit ein großes Interesse daran, einen Deal mit der EU in greifbare Nähe rücken zu lassen. Spindoktoren haben Urlaubssperre. Positive Äußerungen aus London erhöhen den Druck auf die Gegenseite, Zugeständnisse zu machen, so das Kalkül. Zudem will Premiermin

Börsen-Zeitung: Trick or Treat?, Kommentar zur chinesischen Konjunktur von Norbert Hellmann ...
Passend zum Halloween-Fest laufen aus China gruselige Konjunkturdaten ein. Der offizielle Einkaufsmanagerindex für den Industriesektor, der die Stimmungslage bei den großen Zugpferden im Verarbeitenden Gewerbe abbildet, fällt wesentlich stärker als erwartet auf 50,2 Punkte und damit auf den


Weitere Mitteilungen von Börsen-Zeitung


WAZ: Weber geht, Berlin verliert - Kommentar von Thomas Wels ...
Die Kanzlerin konnte nach diesem Kommunikationsdesaster gar nicht anders, als den Bundesbankpräsidenten via Statement des Regierungssprechers von der Zinne zu ziehen. Gleichwohl sagt die Art und Weise der Verkündung auch einiges aus über den Zustand der altehrwürdigen Institution Bundesbank

Märkische Oderzeitung: Die Märkische Oderzeitung berichtet in ihrer morgigen Ausgabe über eine Investition des Energiekonzerns E.ON edis in Eberswalde. ...
In Eberswalde (Barnim) entstehen ab 1. April dieses Jahres durch die E.ON edis-Gruppe 200 neue Arbeitsplätze. Die e.dialog GmbH, eine Tochter des Energieversorgers, will in der neuen Niederlassung die gesamte schriftliche und telefonische Betreuung, die Abrechnung, das Forderungs- und Netzzugan

DGAP-News: Fortress Paper vermeldet Abschluss von Bought Deal Offering in Höhe von $57.5 Millionen ...
DGAP-News: Fortress Paper Ltd. / Schlagwort(e): Kapitalmaßnahme Fortress Paper vermeldet Abschluss von Bought Deal Offering in Höhe von $57.5 Millionen 11.02.2011 / 16:33 --------------------------------------------------------------------- Fortress Paper vermeldet Abschluss von Bought Deal Off

wolfcraft: Bekannteste DIY-Marke bei Handwerkzeugen ...
Kempenich, 24. Januar 2011 - Im Rahmen einer Studie zu effizientem Marketing bei Heimwerker-Kunden ermittelte das Institut für Freizeitwirtschaft zwischen Juli 2009 und Juni 2010 auch den Bekanntheitsgrad von Branchenherstellern. Ein Projektteam aus Betriebs- und Volkswirten fragte 2.000 aktive Hei


 

Werbung



Sponsoren

foodir.org The food directory für Deutschland
News zu Snacks finden Sie auf Snackeo.
Informationen für Feinsnacker finden Sie hier.

Firmenverzeichniss

Firmen die firmenpresse für ihre Pressearbeit erfolgreich nutzen
1 2 3 4 5 6 7 8 9 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z