Börsen-Zeitung: Da geht noch was, Börsenkommentar "Marktplatz", von Thorsten Kramer.
ID: 572222
Aktienmärkte vor Wochen eine Kursrally gestartet haben, hat sich vor
dem Wochenende gezeigt. Als Giorgos Karatzaferis, der Chef der
griechischen Rechten, ankündigte, seine Partei werde dem Sparpaket
nicht zustimmen, rutschten die Notierungen umgehend noch tiefer ins
Minus. Bereits zuvor hatten Zweifel daran, dass Athen die von den
europäischen Partnern geforderten Sparmaßnahmen tatsächlich umsetzen
wird, den Höhenflug der Börsen gestoppt.
Damit stellt sich die Frage, ob die Aktienindizes womöglich an
einem Wendepunkt stehen. Schließlich hatten Investoren bis zuletzt im
Vertrauen auf eine politische Lösung für Griechenland - weitgehend
unbeeindruckt von der drohenden ungeordneten Staatspleite - die
Risikobereitschaft weiter und weiter erhöht, wie etwa daran abzulesen
ist, dass die Aktienkurse und der Renditeabstand der zehnjährigen
griechischen Staatsanleihen zu Bundesanleihen in dieselbe Richtung
tendierten. Falls nun aber andere Abgeordnete dem Beispiel der
Rechten folgten und die notwendigen Sparmaßnahmen ebenfalls
ablehnten, ergäbe sich plötzlich ein neues Bild: Das zweite
Hilfspaket für Griechenland im Volumen von 130 Mrd. Euro drohte dann
zu scheitern.
Bis zum Handelsschluss am Freitag sah es allerdings so aus, dass
Athen die Sparmaßnahmen trotz aller Proteste beschließen wird; die
Regierung hat auch ohne die Rechtspartei eine ausreichende Mehrheit.
Für diesen Fall spricht vieles dafür, dass die Börsen die Kursrally
wieder aufnehmen werden.
In erster Linie ist dies in der überraschend und anhaltend
positiven Entwicklung der Konjunkturindikatoren begründet. Auf beiden
Seiten des Atlantiks fallen die meisten Daten bereits seit Wochen
besser als von Ökonomen erwartet aus und deuten auf eine
wirtschaftliche Trendwende hin. Wie zu hören ist, haben viele
Investoren deshalb ihre Risikopositionen bereits deutlich erhöht.
Weil viele Adressen jedoch immer noch unterinvestiert sind, dürfte
das Interesse auf der Käuferseite eher noch zunehmen, zumal ein
wichtiges Ereignis am Ende des Monats bereits Schatten vorauswirft:
Dann wird die Europäische Zentralbank ihr zweites Tendergeschäft mit
dreijähriger Laufzeit zur Liquiditätsversorgung des Finanzsektors
durchführen, und Marktteilnehmer glauben daran, dass die Institute
dann noch umfangreicher die Mittel der Notenbank in Anspruch nehmen
werden als beim ersten Tender. Der hatte aber bereits ein Volumen von
annähernd 500 Mrd. Euro.
Die Erfahrungen mit den Lockerungsmaßnahmen der Fed belegen,
welchen Einfluss eine umfangreiche Liquiditätsversorgung der
Finanzmärkte haben kann. Weil Staatsanleihen ihren sicheren Status
verloren haben und angesichts anhaltend niedriger Zinsen ohnehin
nicht besonders attraktiv erscheinen, kann es kaum verwundern, dass
Anleger die verfügbaren Gelder an die Börsen lenken. Gefragt sind
dabei vor allem Papiere aus den Finanzsektoren sowie Zykliker, allen
voran aus dem Autosektor, weil sich die Sorge vor einer harten
Landung der chinesischen Konjunktur aufgelöst hat und dort somit eine
ungebrochen große Nachfrage besonders nach deutschen Autos bestehen
bleiben dürfte. Die Hoffnungen auf eine Trendwende der Wirtschaft
wirken aber auch in anderen Sektoren wie Grundstoffe, Bau und Chemie.
Investoren sollten allerdings nicht die Augen davor verschließen,
dass eine Fülle von Risiken den Aufwärtstrend an den Börsen
gefährdet. So ist die Schuldenkrise in der Eurozone keinesfalls
beendet, wenn die Unterstützung der Griechen gelingt. Vielmehr wird
dieses Thema die Staatengemeinschaft weiterhin stark beschäftigen und
die Wachstumsperspektiven auf Jahre trüben. Aber auch kurzfristig
droht hier und dort Ungemach, wie sich etwa darin zeigt, dass die
Anpassungen der Gewinnschätzungen nach einem kurzen Zwischenhoch
schon wieder rückläufig sind.
Das Fazit lautet: Da geht noch was, falls die Griechen nicht
querschießen. Die immense Liquidität dürfte die Aktienkurse (vorerst)
weiter treiben, solange die Konjunkturindikatoren eine Erholung
signalisieren. Anleger sollten nach der seit Wochen währenden Rally
aber keinesfalls blindlings auf den Zug springen. Um die Risiken
einigermaßen im Griff zu behalten, gelten die Anteilscheine von
Unternehmen als erste Wahl, die über sehr solide Finanzkennzahlen,
eine günstige Bewertung und gute Wachstumsperspektiven verfügen und
möglichst auch eine ansprechende Dividende zahlen wollen.
(Börsen-Zeitung, 11.2.2012)
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Datum: 10.02.2012 - 18:00 Uhr
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