Die Panikmacher in den Redaktionen - die Lehren aus 2011
ID: 633520
Verkennung ihrer Aufgaben Krisenberichterstattung betreiben. Dann
benötigen sie nicht einmal ein außerordentliches Krisenjahr wie 2011,
um ihr Publikum zumindest kurzfrist, auf jeden Fall unnötig in Panik
zu versetzen. Bei der Podiumsdiskussion von Chefredakteuren und
Fachleuten aus dem Universitätsbereich über "Die Angst und die Medien
- wie viele schlechte Nachrichten vertragen die Menschen?" waren sich
die Teilnehmer am 8. Mai, dem zweiten Tag des European Newspaper
Congress in Wien, einig, dass Medien gar nicht generell den Trip der
Angstmacherei wählen. Wirklich? Mit schweizerischer Offenheit
bestätigte der Chefredakteur der "NZZ am Sonntag", Felix Müller: "Die
Wahrheit ist, dass wir Journalisten von den Ängsten leben und dabei
auch Emotionen auslösen."
Deshalb stürzt die Welt nicht zusammen, denn eines stimmt
garantiert auch - je bedrohlicher die Krise, desto größer wird das
Informationsbedürfnis der Menschen, zumindest am Anfang. Bei der
Fukushima-Katastrophe erzielte die "Zeit im Bild" des ORF an den
ersten drei Tagen Rekordeinschaltungen von 1,3 bis 1,6 Millionen
Zusehern, berichtete ORF-Chefredakteurin Waltraud Langer: "Wir können
nicht warten, bis alles geklärt ist. Wir müssen alles transparent
machen. Wir sagen alles, was wir zu dem Zeitpunkt wissen. Wenn wir es
nicht sicher wissen, haben wir auch dafür eine Sprachregelung. Auf
jeden Fall ist es die große Stunde der Hintergrundberichterstattung,
weil sich Leute für etwas interessieren, wofür sie sich normalerweise
nicht interessieren." Jürgen Grimm, Kommunikationswissenschaftler an
der Universität Wien, und der Vize-Präsident des Berufsverbandes
Österreichischer Psychologen, Cornel Binder-Krieglstein, sind mit
diesem Gedankengang einverstanden. Journalisten reagieren
professionell auf die Ängste des Publikums, sagt Grimm. "Das ist kein
Bedürfnis nach Angst, sondern stillt einen Angstbewältigungsbedarf.
Medien bieten dafür mehr Hilfe, als sie Angst produzieren."
Binder-Krieglstein ist nicht einmal sicher, ob wirklich alle Leute
ängstlicher werden, wie behauptet wird. Er versperrt einer möglichen
Fluchtaktion Richtung Biedermeier den Weg. "Wir müssen mitgehen.
Heute sind Rettungswagen fahrende Intensivstationen, aber soll ich
deshalb Angst vor einem Herzinfarkt haben?" Es gehe darum, wie
Medienkonsumenten mit bedrohlichen Situationen umgehen sollen. So
auch Langer: "Jeder muss sich darauf verlassen können, dass berichtet
wird, was passiert. Wir können keine Tabus schaffen."
Der Begriff "Entschleunigung", der schon am ersten Kongresstag
eine Rolle gespielt hat, kommt ins Spiel. Berichten ja, aber man muss
ja nicht gleich am ersten Tag einer Katastrophe, wenn noch alles
undurchsichtig ist, kommentieren, empfiehlt Chefredakteur Carsten
Erdmann von der Berliner Morgenpost. In einer Regionalzeitung müsse
das Thema sowieso anders aufbereitetet werden. Was bedeute die
Euro-Krise für Gemeinde? "Da gibt es berechtigte Ängste. Wir
empfehlen den Redakteuren: Schreibt den Artikel so, als würde es um
euer Geld gehen." Binder-Krieglstein: Es sei wichtig zu fragen, wie
sich ein Ereignis konkret auf die Person auswirke. Das Hauptinteresse
am Anfang laute immer: Bin ich betroffen? Da müsse eine Antwort
kommen. Auswirkungen auf die ganze Welt gehören zur sekundären Angst.
Strahlen Berufsängste der Journalisten auf die Berichterstattung
oder gar auf das Publikum aus, fragt Diskussionleiter Rainer Nowak,
Co-Chefredakteur der "Presse", und stößt auf Skepsis. Folgt man
Chefredakteur Erdmann, so geht bei der Sprnger-Zeitung "Berliner
Morgenpost" keine Angst um. Bei Chefredakteur Müllers "NZZ am
Sonntag", kehren Journalisten gleich das Positive hervor: "Wenn wie
im arabischen Frühling die Guten gewinnen und die Bösen stürzen, dann
ist das eine tolle Geschichte. Es gibt vielleicht doch Gerechtigkeit
und Fortschritt." Nur Krisenberichterstattung wollen seine Leser
sowieso nicht, sondern ein "Gesamtangebot".
Mit Grimms konstruktiver Darstellung können alle am Podium leben:
Die Abschaltung des letzten Atomreaktors in Japan zeige, dass mit der
Katastrophe auch wirklich etwas passiert sei, und zwar auch
Positives. Beim Euro und bei Griechenland sei das allerdings nicht
so. Aber, ergänzt Binder-Krieglstein, dieser Komplex schaffe bei den
Österreich ein Bewusstsein dafür, dass ihr Land keine Insel der
Seligen sei.
Pressekontakt:
Johann Oberauer, Tel. 0043 664 2216643
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Datum: 08.05.2012 - 12:48 Uhr
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