Schwäbische Zeitung: Angela Merkel ist sehr lebendig - Leitartikel

Schwäbische Zeitung: Angela Merkel ist sehr lebendig - Leitartikel

ID: 645998
(ots) - Angela Merkel wird sich dieser Tage manchmal
wundern, was so alles über sie geschrieben wird. Dass sie wanke,
schwer angeschlagen sei, keinen Rückhalt mehr genieße, dass sie
Umweltminister Norbert Röttgen kalt abserviert habe, dass ihr der
französische Präsident an den Gipfeltreffen in Camp David, Chicago
und Brüssel auf der Nase herumgetanzt sei. Eigentlich bleibt ihr nach
der Lektüre all dieser Abgesänge nur noch der sofortige Rücktritt.

Aber die Bundeskanzlerin, wegen ihrer hochgezogenen Schultern und
der heruntergezogenen Mundwinkel immer mal Gegenstand von Satire,
strotzt vor Kraft und Tatendrang. Sie regiert, sie feuert und heuert,
sie ratifiziert, sie organisiert und sie delegiert. Da ist eigentlich
keine Spur von Hektik oder unüberlegtem Verhalten zu erkennen. Merkel
scheint zu wissen, was sie will und was nicht: Der Euro muss gerettet
werden, aber nicht mit Eurobonds, Deutschland nimmt seine Rolle in
der Welt wahr, aber mit möglichst wenig Kampfeinsätzen der
Bundeswehr. Merkel mag keine überragende Intellektuelle sein, aber
sie ist blitzgescheit und besonnen. Anders als ihr nachgesagt wird,
ist sie durchaus eine ordentliche Rednerin. Dass sie keine volle
Stimme hat, heißt nicht, dass sie nichts zu sagen hätte.

Aus dieser Frau, von Helmut Kohl einst als "das Mädchen"
tituliert, ist eine in sich ruhende, immer gelassen bleibende
Staatslenkerin geworden, eine, zu der andere Regierungschefs in
anderen Hauptstädten aufblicken. Sicher kann man Merkel vorwerfen,
ihr Fähnchen allzu oft nach dem Wind zu drehen, und Positionswechsel
eher als sportliche Aufgabe und nicht als Verrat an den eigenen
Prinzipien zu begreifen.

Auch könnte es irgendwann einmal in der CDU zum offenen
Schlagabtausch kommen, wie damals, als Merkel ihrem Mentor Kohl die
Macht entwand. Es stimmt, sie hat nicht allzu viel Charisma. Aber für


die Emotion haben wir Deutschen unseren Präsidenten Gauck. Zum
Regieren haben wir Merkel, auch wenn die mal Fehler macht.



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Datum: 24.05.2012 - 21:09 Uhr
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