Börsen-Zeitung: Staccatissimo-HV, Kommentar zur Hauptversammlung der Deutschen Bank, von Bernd Witt

Börsen-Zeitung: Staccatissimo-HV, Kommentar zur Hauptversammlung der Deutschen Bank, von Bernd Wittkowski.

ID: 650399
(ots) - Wer auf der epochalen Hauptversammlung (HV) der
Deutschen Bank am Donnerstag Dampf ablassen, Fragen stellen, Anträge
begründen oder sogar Lob loswerden wollte - und all das wollten viele
-, der musste sich beeilen: Erst fünf, dann drei, dann zwei Minuten
Redezeit gestand der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Börsig den mehr
als 70 Aktionären und Aktionärssprechern, die sich zu Wort gemeldet
hatten, zu.

Das kam dann exemplarisch etwa so rüber: Für die Leistung des
scheidenden Vorstandsvorsitzenden in den vergangenen zehn Jahren gab
es exakt vier Worte: "Herr Ackermann, vielen Dank." Was folgte, waren
Kritik - hier zumeist an den evidenten Defiziten in Sachen Corporate
Governance und wegen der vielen Rechtshändel - und ein paar Fragen
dazu, alles vorgetragen im Staccatissimo. Die Masse der Versammlung
versteht kein Wort. Selbst professionelle Stenografen hätten Mühe,
dem Diskurs, der natürlich längst keiner mehr ist, zu folgen. Da
bewegen sich die Organe der Aktiengesellschaft ausgerechnet an deren,
wie Ackermann eingangs betonte, "wichtigstem Tag im Jahreskalender"
hart an der Grenze zur Lächerlichkeit. Ist das noch
Aktionärsdemokratie? Es traten ja nicht in erster Linie Chaoten
und/oder Wichtigtuer auf, die nur auf Angriffspunkte aus sind, um
neue Klagelawinen lostreten zu können. Diese Spezies gibt es
bekanntlich auch, und nicht zuletzt sie verursacht die eine oder
andere Verzögerung. Aber bei sehr vielen Rednern waren doch das
Anliegen, sich ernsthaft mit Sachthemen ihrer Gesellschaft
auseinanderzusetzen, und ein begründetes Interesse, mögliche
Fehlentwicklungen zu hinterfragen, erkennbar. Bei allem Verständnis
für den Wunsch der Verwaltung, die HV in angemessener Zeit über die
Bühne zu bringen: Vorstand und Aufsichtsrat sollten Leuten, die
beispielsweise immerhin 1% des Kapitals vertreten, schon etwas länger


zuhören müssen und auch wollen als zwei Minuten.

Die Botschaft sollte bei der neu formierten Führung der Bank
dennoch angekommen sein. So viel geballter Unmut war selten in einer
HV-Debatte des Branchenprimus. Die kritischen Punkte sind benannt,
die Verantwortlichen müssten nun eigentlich wissen, wo es
Korrekturbedarf vor allem in puncto Ethik, Compliance und Corporate
Governance gibt.

Eines kann man der Bank und namentlich Ackermann noch
zugutehalten: Der bisherige Vorstandschef hatte in seiner sehr
instruktiven, sehr grundsätzlichen und umfassenden einleitenden
Zehnjahresbilanz die Antworten auf viele Fragen vorweggenommen, die
somit später nicht mehr gestellt werden mussten.

(Börsen-Zeitung, 1.6.2012)



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