Soziale Kinder- und Jugendmedizin für Risikokinder: Kinder- und Jugendärzte sehen dringenden Handlungsbedarf
ID: 669092
chronischer, psychischer und psychosomatischer Erkrankungen im
Kindes- und Jugendalter nimmt weiter zu. Dabei gelten 20 Prozent
aller Kinder in Deutschland als Risikokinder, weil sie aus prekären
sozialen Lebenslagen oder von Armut gekennzeichneten Familien stammen
und von herkömmlichen Versorgungsangeboten nicht erreicht werden.
Da jedoch immer mehr Kinder und Jugendliche in Institutionen mit
Ganztags-Konzept - etwa in Krippen, Kindergärten, Schulen und Horten
- betreut werden, ergeben sich durchaus auch neue Herausforderungen,
etwa für den öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD). Dieser ist
allerdings aufgrund des Personalabbaus heute nicht mehr in der Lage,
eine umfassende gesundheitliche und präventive Betreuung in den
Kindertageseinrichtungen sicherzustellen. "Dabei könnte der ÖGD -
etwa durch fachliche Unterstützung der Erzieherinnen in
Kindertagestätten oder durch aufsuchende und finanziell abgesicherte
mobile Dienste - gerade die Risikokinder erreichen, die sonst nicht
zu einem Kinder- und Jugendarzt vordringen", bekräftigt Professor
Hans Michael Straßburg, Präsident der Deutschen Gesellschaft für
Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ).
Dringenden Handlungsbedarf sieht Straßburg aber auch bei den
Rehabilitations-Einrichtungen für chronisch kranke und behinderte
Kinder und Jugendliche. Trotz ihres hohen Qualitätsstandards und
nachweisbaren Erfolgen werden immer weniger Anträge bewilligt. Dies
sei insbesondere für solche Kinder fatal, die über geringe eigene
Ressourcen verfügen oder sozial benachteiligt sind.
Auch die Zusammenarbeit der Kinder- und Jugendärzte mit den
Institutionen der Jugendhilfe, den Beratungsstellen, den
Heilmittelerbringern und verschiedenen pädagogischen Institutionen
hin zu einem funktionierenden Netzwerk sei defizitär. An vielen
Stellen fehlten die strukturellen und finanziellen Voraussetzungen.
Um dies in Zukunft sicherzustellen, erhebt die DGSPJ folgende
Forderungen:
- Die Weiterbildung in der Kinder- und Jugendmedizin muss neu
strukturiert werden. Dabei ist der Bereich der Entwicklungs- und
Sozialpädiatrie in der praktischen Ausbildung - anders als bisher -
so einzubeziehen, wie es der Bedeutung im Alltag entspricht.
- Bei über 50% aller Kinder werden in sehr unterschiedlicher Form
entwicklungsfördernde Maßnahmen durchgeführt, die zu erheblichen
Kosten und teilweise zu großer Verunsicherung bei den Eltern führen.
Um unnötige aufwändige und teure Langzeittherapien zu vermeiden,
sollen neben früher Förderung unter Einbezug des familiären Umfeldes
bewährte fachliche Institutionen wie etwa die Sozialpädiatrischen
Zentren flächendeckend ausgebaut werden.
- Diese Sozialpädiatrische Zentren als multiprofessionelle und
interdisziplinäre Kompetenzeinrichtungen für betroffene Kinder und
Jugendliche müssen aber auch ausreichend finanziert werden. Die
bisher im Abstand von nur wenigen Jahren notwendige Erneuerung der
Zulassung sollte entfallen.
- Um die Qualität entwicklungsfördernder Maßnahmen zu verbessern,
fordert die DGSPJ die Einführung einer Zusatzweiterbildung
Entwicklungs- und Sozialpädiatrie in Deutschland.
Dabei müsse der Gesetzgeber auf Bundesebene die finanziellen
Rahmenbedingungen für die institutionelle Sozialpädiatrie im ÖGD und
in den SPZs sicher stellen, fordert die DGSPJ. Daneben ist aber auch
eine Neuausrichtung der Länder und Kommunen notwendig. Immer mehr
Städte und Gemeinden sind finanziell derart klamm, dass
Jugendeinrichtungen schließen müssen und Jugendhilfeleistungen oder
Sprachförderprogramme abgebaut werden.
Dies widerspricht den Notwendigkeiten einer zukunftsfähig und
präventiv ausgerichteten Politik für Kinder und Jugendliche. Gerade
die Gruppe der Risikokinder in den Kommunen, wird damit frontal
getroffen. Auch hier muss politisch dringend entgegengesteuert
werden, fordert Straßburg. "Wir sind in Deutschland noch weit von
einem Kinderbewusstsein entfernt, das nachhaltig auf die Zukunft und
das Wohl der nachwachsenden Generationen ausgerichtet ist. Die DGSPJ
wird dies deshalb weiter massiv einfordern."
Pressekontakt:
Prof. Dr. Hans-Michael Straßburg
Präsident der DGSPJ
Berlin/Würzburg
straßburg@mail.uni-wuerzburg.de
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Datum: 28.06.2012 - 08:58 Uhr
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