Börsen-Zeitung: Wechselspiel, Börsenkommentar "Marktplatz", von Christopher Kalbhenn.

Börsen-Zeitung: Wechselspiel, Börsenkommentar "Marktplatz", von Christopher Kalbhenn.

ID: 670932
(ots) - Die Art und Weise, wie die Investoren in diesem
Jahr disponieren, erinnert stark an eine Achterbahnfahrt. War der
Risikoregler zum Auftakt auf nahezu null gestellt, wurde er in den
ersten drei Monaten - getragen von beruhigenden Effekten der
Dreijahrestender der Europäischen Zentralbank und positiv
überraschenden Konjunkturdaten - energisch nach oben geschoben. Mit
Beginn des zweiten Quartals zeigte sich jedoch, dass die zum
Jahresbeginn vorherrschende Vorsicht richtig war: Die Wahlen in
Frankreich und Griechenland waren das Fanal für eine erneute
Verschärfung der Schuldenkrise, und eine enttäuschende konjunkturelle
Datenentwicklung vor allem in China und den USA sorgte für
zusätzliche Beunruhigung. In der Folge wurde der Risikoregler wieder
Richtung null bewegt. "Risk on - Risk off" wird dieses Wechselspiel
im angelsächsischen Raum genannt.

Im Ergebnis sind im ersten Halbjahr als sicher geltende Anlagen
wie die mit "AAA" bewerteten Staatsanleihen die Gewinner. Rund 4% hat
ein Anleger erwirtschaftet, der zum Jahresbeginn in zehnjährige
Bundesanleihen investiert hat. Amerikanische Staatsanleihen mit
Laufzeiten von mehr als zehn Jahren brachten, gemessen an dem
entsprechenden iBoxx-Index, rund 5,5%. Die Flucht in Sicherheit hat
die Renditen auf vorher nicht erwartete Rekordtiefen gedrückt. Das
Nachsehen hatten Risiko-Assets wie Rohstoffe, darunter insbesondere
Öl und Industriemetalle, oder auch die Anleihen der angeschlagenen
Staaten der Eurozonen-Peripherie. Die Aktienmärkte konnten sich
immerhin halten. Der Stoxx Europe 600 hat seit dem Jahresbeginn um
2,7% zugelegt. Allerdings wird die Risikoscheu in der
Sektorenentwicklung sichtbar. Schlusslichter sind die zyklischen
Grundstoffaktien mit einem Indexminus von 7%, während defensive
Aktien wie Nestlé, Diageo oder LVMH bei den Sicherheit suchenden


Investoren gefragt waren und die entsprechenden Stoxx-Branchenindizes
bis zu 10% gewannen.

Zum Halbjahresultimo ist der Risikoregler wieder nach oben
geschoben worden. Aktien haben stark zugelegt, Bundesanleihen
deutlich nachgegeben. Safe-Haven-Währungen haben deutliche Einbußen
erlitten, Risikowährungen wie der australische Dollar kräftig
zugelegt. Damit reagierten die Märkte auf die Beschlüsse des
EU-Gipfels. Anders als etwa nach dem Hilfsantrag Spaniens oder
anderen positiv aufgenommenen Ereignissen im Zusammenhang mit der
Schuldenkrise verpuffte die Wirkung nicht sogleich. Dass die Wirkung
sehr nachhaltig sein wird, ist jedoch zweifelhaft.

Zwar hat der Gipfel mit dem Wachstumsprogramm, den beschlossenen
Anleihekäufen des Rettungsschirms und der Rekapitalisierung von
Banken durch den Stabilitätsfonds beeindruckendere Resultate
produziert als die meisten anderen Spitzentreffen zuvor. Einer Lösung
der Staatsschuldenkrise ist die Eurozone jedoch keinen Deut näher
gekommen. Die Anlagestrategen von Julius Bär, die von einem
"Placebo-Gipfel" sprechen, sind der Auffassung dass der mittlerweile
19.Euro-Krisengipfel nicht erfolgreicher war als die anderen. Die
Fronten hätten sich weiter verhärtet, die Ergebnisse seien vage und
taugten nicht zu einer grundsätzlichen Änderung der Lageeinschätzung
bezüglich der Schuldenkrise. Der Eindruck, den dieser Gipfel erwecke,
sei, dass sich jeder Nationalstaat, so gut es gehe, aus den neuen und
alten Töpfen der Europäischen Union bediene.

Auch die Bank of New York Mellon lässt kein gutes Haar an den
Beschlüssen des Gipfels. Sie gingen die strukturellen Probleme, die
die Krise ausgelöst hätten, überhaupt nicht an. Es sei klar, dass die
Beschlüsse Deutschland mit extremem Druck abgepresst worden seien.
Als Folge erscheine Deutschland nun sowohl politisch isoliert als
auch extrem verärgert. Das sei eine gefährliche Kombination.

Sorgen bereitet dem Institut aber vor allem die Lage
Griechenlands. Auf dem Gipfel sei nicht das Geringste unternommen
worden, um zu verhindern, dass Griechenland im Verlauf des Sommers
bankrottgeht. Angesichts der Tatsache, dass dem Land Berichten
zufolge am 20.Juli das Geld ausgehen werde, und der von deutscher
Seite ausgesprochenen Warnung, dass die Überprüfung der Spar- und
Reformfortschritte Griechenlands durch die Troika eher Wochen als
Tage dauern werde, sei dieses Risiko nicht trivial. Angesichts
solcher Voraussetzungen wird die Begeisterung über den Gipfel recht
schnell wieder der Ernüchterung weichen, und die Investoren werden
den Regler wieder ein Stück nach unten schieben.

(Börsen-Zeitung, 30.6.2012)



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