Börsen-Zeitung: Revolution frisst ihre Kinder, Kommentar zu den Arbeitsplatzabbauplänen bei der UB

Börsen-Zeitung: Revolution frisst ihre Kinder, Kommentar zu den Arbeitsplatzabbauplänen bei der UBS, von Bernd Wittkowski.

ID: 751938
(ots) - Ob die UBS nach dem Abbau von 20000
Arbeitsplätzen seit dem ersten Finanzkrisenjahr 2007 nun die
kolportierten weiteren 10000 Stellen streicht oder auf dieser
Restrukturierungsetappe "nur" 5000, eines steht fest: Die
Finanzrevolution hat begonnen, ihre Kinder zu fressen. Denn diese
Aktion sieht nicht mehr lediglich nach einem weiteren Drehen an der
Kostenschraube aus, sondern nach einem grundsätzlichen Neustart. Und
sie wird, sosehr sie zum Teil UBS-spezifische Ursachen und
Konsequenzen hat, über die 2008 vom Staat gerettete Schweizer
Großbank hinaus in der Branche Wirkung zeigen.

Die UBS, das gehört zum Spezifischen, war mehr als mancher
namhafte Wettbewerber eine Zockerbank mit offenbar mangelhaftem
Risikomanagement und dementsprechend stark von der Finanzkrise
betroffen - so betroffen, dass sich der damalige
Verwaltungsratspräsident Marcel Ospel in Anbetracht
milliardenschwerer Subprime-Abschreibungen schon 2007 öffentlich
"erschüttert" zeigte und sich explizit dafür schämte, "dass wir so
etwas produziert haben". Der 2,3 Mrd. Dollar und - schlimmer - jede
Menge Reputation kostende Handelsskandal, der gerade vor einem
Londoner Gericht aufgearbeitet wird, macht seit gut einem Jahr
deutlich, dass die Lernkurve bei der UBS auch danach eher flach
verlief.

Zum Allgemeinen gehört, dass der Kapitalmarkt das einst
vergötterte Investment Banking ob seiner notorischen
Ertragsvolatilität - übrigens erstaunlich spät - mit Liebesentzug
straft bzw. es zu honorieren scheint, wenn ernsthaft Anstalten
gemacht werden, diese Aktivitäten, damit das Risikoexposure und vor
allem den Eigenkapitalbedarf zu dezimieren. Am Montag bescherten die
Investoren, wohl in Vorfreude auf einen Aktienrückkauf, der UBS und
sich selbst einen Kurssprung von mehr als 7%. Hoffentlich haben sie
nicht übersehen, dass die Demontage einer bisher tragenden Säule des


Geschäfts erst einmal einen Milliardenaufwand erfordert.

Aus volkswirtschaftlicher und gesellschaftlicher Perspektive kann
es nach den namentlich für die Steuerzahler teuren Erfahrungen der
jüngeren Vergangenheit nur begrüßt werden, wenn UBS & Co. die Lehren
ziehen und zum Finanzkasino deutlich auf Distanz gehen. Wissen muss
man freilich, dass dieser Kahlschlag der Eidgenossen ein Menetekel
für die ganze Branche ist. Eine Überkapazität von jeder zwölften bis
sechsten Stelle hieße zum Beispiel auf das deutsche Kreditgewerbe
übertragen, dass dem "Reset" hierzulande noch 54000 bis 108000
Arbeitsplätze zum Opfer fallen könnten. Auf Sicht weniger Jahre kein
ganz unrealistisches Szenario.

(Börsen-Zeitung, 30.10.2012)



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